Berlin - Einige Kinder schlafen am Montagmittag noch, die anderen toben draußen im Garten. Erzieher und Kinder der Kita „Sonnenstern“ haben hier auf dem Gelände der Freien Evangelischen Gemeinde in Moabit vorübergehend Asyl gefunden. Kirchenasyl gewissermaßen.

Eilig sind sie hierher umgezogen, haben das Lieblingsspielzeug der Kinder mitgenommen. Ein paar Puppenwagen, Holzbauklötze, Legosteine, das Memory- und natürlich das Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiel. „Buddelzeug haben wir noch gekauft, weil wir nun den Garten nutzen können“, sagt Kita-Leiterin Beatrice Lehmann.

In den Räumlichkeiten, in denen die 18 Kinder bisher spielten, konnten sie nicht mehr bleiben. Denn die Vermieterin hatte das Ladenlokal in der Stendaler Straße zu Jahresbeginn gekündigt, wogegen der Kita-Betreiber Widerspruch einlegte. Vor ein paar Tagen aber brachte die Vermieterin während des laufenden Kita-Betriebes Helfer mit, die die Glastür vorne entfernten und zerbrachen. Angekündigt worden war ein Besichtigungstermin. Die Kinder seien weinend zur Toilette gerannt, berichtet die Kita-Leiterin. Sie vermutet, dass die Vermieterin den Türrahmen zumauern wollte. Erst die herbeigerufene Polizei verhinderte eine weitere Eskalation. Dabei hat die Vermieterin, eine Künstlerin, deren Werke auch in einer Villa von US-Schauspieler Bruce Willis hängen, einst selbst ihr Kind hier in der Kita Sonnenstern gehabt. Notdürftig sicherten Erzieher und Eltern die Eingangstür mit Holzplatten. Doch es war klar: Die Kita hatte hier in der Stendaler Straße 5 keine Zukunft mehr. Die Vermieterin äußerte sich auf Anfrage nicht.

Miete bald doppelt so hoch

Zum Glück machte der Pastor der freikirchlichen Gemeinde in Moabit umgehend ein Angebot. Die Kinder können erst einmal in freien Räumen im Pfarrhaus-Komplex an der nahen Stephanstraße unterkommen. Sogar der Garten darf genutzt werden. An diesem Montag, dem ersten Tag in den neuen Räumen, haben nicht alle Eltern ihre Kinder in die Kita geschickt. „Einige wollen erst einmal, dass ihr Kind wieder zur Ruhe kommt“, sagt die Kita-Leiterin. Im Herbst hat der Kita-Träger MiniKitas First gGmbH endlich neue Räume in Aussicht, ebenfalls in der Stephanstraße. Allerdings soll die Nettokaltmiete dann nicht mehr wie zuletzt in der Stendaler Straße fünf Euro pro Quadratmeter betragen, sondern zehn Euro. Mit dem Problem der steigenden Mieten sind derzeit viele kleine Kitas in der Innenstadt konfrontiert. Denn sie schließen in der Regel Gewerbemietverträge ab, die befristet sind und dann einfach nicht verlängert werden müssen.

Allein die Mitarbeiter des Dachverbands der Kinder- und Schülerläden (Daks) haben in den vergangenen eineinhalb Jahren 35 Kitas gezählt, die um ihre Existenz kämpften. In gut 25 Fällen sei die Zukunft noch ungeklärt, sagt Roland Kern vom Daks. In zehn Fällen hätten sich Lösungen ergeben, neue Räume mit teureren Mieten seien gefunden worden. Und in einem Fall, der Kita Grashüpfer in Prenzlauer Berg, haben die Eltern über den Förderverein die Immobilie tatsächlich selbst gekauft, um nicht raus zu müssen. Den Kinderladen Schneckenhaus hat es sogar aus der Krausnickstraße im schicken Teil von Mitte nach Lichterfelde-Ost verschlagen. „In ganz Mitte haben wir keine bezahlbaren Räume mehr gefunden“, sagt eine Erzieherin.

In den bisher gültigen Rahmenverträgen gehe das Land von Quadratmeterpreisen von 5 Euro für Elterninitiativ-Kitas aus, berichtet Roland Kern. Dabei habe sich das Mietniveau in der Innenstadt mittlerweile nahezu verdoppelt. Das müsse bei den Verhandlungen über die neuen Verträge, die ab 2018 gelten sollen, berücksichtigt werden.

Sparen beim Personal

Ina Kratzheller ist die Geschäftsführerin der MiniKitas, zu der auch die Kita Sonnenstern gehört. Für sie ist klar, was bei steigenden Gewerbemieten passiert. „Die steigenden Mieten gehen zu Lasten der Erzieher-Gehälter“, sagt sie. Denn nur mit den Personalkosten könne man das auffangen. Dazu muss man wissen, dass Berliner Kita-Erzieher im bundesweiten Vergleich bereits jetzt besonders schlecht bezahlt werden, auch im Nachbarland Brandenburg ist das Gehaltsniveau höher. Kratzheller und die MiniKitas First gGmbH gehören dem 2014 gegründeten Verband der kleinen und mittelständischen Kita-Betreiber an, der nun eine Online-Petition starten will.

Auch in der Bildungsverwaltung geht man inzwischen davon aus, dass es bei den neuen Kita-Rahmenverträgen Verbesserungen geben sollte. Bloße Mietkostenzuschüsse oder ein besonderer Mietschutz für soziale Infrastruktur führten aber eher dazu, dass Vermieter die Preise erhöhen oder gar nicht mehr an Kitas vermieten.