Berlin - Alina sieht etwas, was andere nicht sehen, nämlich die Wandtafel. „Es ist grün und weiß“, ruft das kleine Mädchen mit den braunen, lockigen Haaren. Und löst damit in der Tempelhofer Kita Seebuschring ein Durcheinander aus – sofort schreien sechzehn Kinder die Lösung durch den Raum. „Hey“, ermahnt Erzieherin Carola Herbrich, „wir sind heute zu viele hier, ihr müsst etwas leiser sein.“

Viele Kinder, zu wenig Personal – eine Situation, mit der Kindertagesstätten bereits jetzt klarkommen müssen. Doch nun verschärft sich die Lage. Denn in Berlin leben wieder mehr Kleinkinder. Deshalb will der Senat bis 2015 etwa 19.000 zusätzliche Kita-Plätze schaffen. Doch die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) warnt, es gäbe nicht genug ausgebildete Erzieher für die pädagogische Arbeit mit den Kindern. Berechnungen zufolge werden innerhalb von vier Jahren wenigstens 7.650 weitere Erzieherinnen benötigt.

Andere Bundesländer locken mit mehr Gehalt

Bekämen sie drei Stunden mehr Zeit für die pädagogische Vor- und Nachbereitung, seien sogar 9.277 Erzieher nötig, sagt die GEW-Vorsitzende Doreen Siebernik. An den Fachschulen werden aber laut GEW bis 2015 nur 6 300 Erzieher ihren Abschluss gemacht haben. Hinzu komme, dass nur etwa 4.100 der Absolventinnen am Ende in einer Kita arbeiten. Denn viele frisch ausgebildete Erzieher gehen laut GEW lieber in andere Berufe oder in andere Bundesländer, wo sie fast überall mehr verdienen als in Berlin. Ein Erzieher in einer bezirkseigenen Kita erhält zunächst monatlich 2.078 Euro brutto.

Steffi Wismayer (56), seit fünf Jahren Leiterin der Kita Seebuschring, weiß um die brenzlige Situation vieler Kindertagesstätten. In ihrer Integrationskita sind derzeit 100 Kinder in neun Gruppen untergebracht, 35 davon brauchen besondere Förderung. Der Umgang mit so vielen unterschiedlichen Kindern stelle Erzieher vor eine große Herausforderung. „Schon im letzten Jahr musste ich einige Eltern vertrösten. Mir fehlten zu Beginn des Kita-Jahres drei Erzieherinnen, deshalb hätte ich keine neuen Gruppen bilden können“, sagt sie. „Damals konnten wir die Stellen schließlich noch besetzen.“

Junges Personal bringt frische Impulse

Die Tempelhofer Kindertagesstätte verfüge momentan über 21 Stellen, erklärt die Leiterin. „Im Moment sind auch alle besetzt.“ Aber: Wenn durch Krankheit, Urlaub oder Fortbildung Mitarbeiter wegfallen, müssen Gruppen zusammengelegt, Personal umgelagert werden. Für Vor- und Nachbereitung, Auswertung und Besprechungen ist kaum Zeit vorhanden. „Um auch diese mittelbar pädagogische Arbeit richtig leisten zu können, bräuchten wir theoretisch mindestens 30 Erzieherinnen“, sagt Steffi Wismayer. Nachdenklich mache sie, was in anderen Einrichtungen manchmal passiert. „Es kommt vor, dass nur zwei Erzieherinnen für vierzig Kinder zuständig sind.“

Auch die Überalterung sieht sie als problematisch. Laut GEW sind die allermeisten Erzieher zwischen 40 und 60 Jahre alt, viele von ihnen würden einige Jahre früher in den Ruhestand gehen. „Auch bei uns ist das so“, sagt Wismayer. Eine ausgewogene Mischung sei aber wichtig, denn junge Leute würden oft frische Impulse in die Arbeit einbringen.

Zwar werden zunehmend Quereinsteiger berufsbegleitend zu Kita-Erziehern ausgebildet. Doch dabei zeichne sich bereits eine Abbrecherquote von etwa 10 Prozent ab, heißt es. Ein Problem sei auch, dass diese während ihrer Ausbildung einfach zum Kita-Personalstamm dazu gerechnet würden. Dabei bleibe es dem restlichen Personal in den Kindertagesstätten überlassen, die Quereinsteiger auf die neue Arbeit vorzubereiten.