BerlinKiwi windet sich, und für einen Moment sieht es so aus, als führe er einen Tanz auf mit einem schwarz-weißen Stück Stoff bis er drinsteckt und ein Pinguin ist. Einer von ihnen, von denen, die sich gerade fertigmachen für ihren Protest. 200, vielleicht 300 mögen es sein an diesem Sonnabendvormittag am neuen Hauptstadtflughafen BER, der gleich ans Netz gehen soll mit den ersten Landungen. Zwei Maschinen mit Honoratioren und Journalisten, in Tegel und München gestartet und in Schönefeld gelandet. „Was“, ruft Kiwi. Es ist ein Was mit drei Fragezeichen dahinter.  Er wusste nicht, dass innerstädtische Flüge als erste offiziell auf dem Airport landen. „Das ist ein Tritt in den Hintern der jungen Generation. Nein: aller Menschen.“

Genau wegen dieser Art Tritte sind sie hier, Kiwi und die anderen Gelegenheitspinguine. Sie wollen sich nicht damit abfinden, dass der BER ans Netz geht, weil sie ihn für überflüssig halten. So überflüssig wie Inlandsflüge,  von innerstädtischen Flügen ganz zu schweigen. „Wir steuern auf eine Katastrophe zu“, sagt Kiwi, „und niemanden in der Politik scheint das zu stören.“ Um das zu ändern, demonstrieren er und die anderen an diesem Vormittag in Berlin. Die Initiative nennt sich: „Am Boden bleiben.“

Kiwi heißt eigentlich Yannik, er ist 22 Jahre alt, extra aus München angereist und ein Vertreter der sogenannten Generation Z. Sie bezeichnet all diejenigen, die zwischen 1995 und 2010 geboren sind. Jugendforschern zufolge legen sie vor allem Wert auf Gesundheit, Freiheit, Freundschaft und Gerechtigkeit. „Climate justice now“, rufen die Pinguine, ruft auch Kiwi, als sie sich vor dem Flughafen nach langer Zeit des Wartens gegen Mittag in Bewegung setzen: „Klima-Gerechtigkeit jetzt!“

Wenn die Soziologen recht haben, könnte Kiwi ein typischer Vertreter der Generation Z sein. Seinen persönlichen Schlüsselmoment verortet der Münchner in der Schulzeit. Es war im Religionsunterricht, als der Lehrer den Film „An inconvenient truth“ vorführte. Es handelt sich um einen Dokumentarfilm über den früheren US-Vizepräsidenten Al Gore und dessen Kampagne gegen die Erderwärmung, wobei die unbequeme Wahrheit lautet: Der Mensch zerstört seinen Lebensraum.  

So ungefähr jedenfalls, Kiwi verstand Bilder und Botschaft sofort als Auftrag. „Dagegen muss doch jemand mal etwas unternehmen.“ Demonstrieren zum Beispiel, für Aufmerksamkeit, für Einsichten sorgen, bestenfalls. „Am Boden bleiben“ verfolgt dieses Ziel, „Fridays for future“ ebenfalls. Die inzwischen globale Bewegung ging vor der Corona-Pandemie freitags auf die Straße, ist auch nach dem Lockdown aktiv, wenn auch kaum noch sichtbar gewesen.

Kiwi engagiert sich in München für „Fridays for future“. Daran hat ihn auch Covid-19 nicht hindern können, obwohl ein Onkel an dem Virus verstarb. Wichtig ist ohnehin die Arbeit im Hintergrund, die Basisarbeit, die Gespräche mit der Politik. Der Austausch von Argumenten ist auch weit fordernder als der wöchentliche Gang auf die Straße, auch wenn „manche Kids“, wie Kiwi aus seiner Erfahrung berichtet: „20, 30 Stunden in der Woche für Fridays for future“ opfern.    

Die politische Überzeugungsarbeit strengt an, weil sie frustriert. „Es ist keine Einsicht zu erkennen“, sagt Kiwi. Wirtschaftliche Egoismen, meint er, verhindern eine Wende. „Dabei liegen die Fakten auf dem Tisch.“ Kiwi studiert Bioinformatik. Wenn dann die Statistiken behandelt werden, etwa jene, die zeigen, dass die Menge an CO2 in der Atmosphäre in dem Maße steigt, in dem die Menge an Pflanzen abnimmt, dann könnte Kiwi heulen. Oder wütend werden.    

„Dreist“, sagt Kiwi: „Es ist einfach dreist, in einer solchen Situation einen riesigen Flughafen wie den BER zu eröffnen.“ Die Demonstration bewegt sich inzwischen grüppchenweise auf dem Willy-Brandt-Platz vor dem Terminal 1 mal hierhin, mal dorthin, scheint mit der Brandenburger Polizei ein Spiel zu spielen, denn die folgt dem zerstreuten Zug wie ein Schatten. Oben auf der Rampe im ersten Stock werden später Würfel aus silberner Alufolie aufgeblasen. Auf jedem wird ein Buchstabe sichtbar, am Ende steht da: „#NO BER“. 

Kamerateams bringen sich in Position, filmen die Würfel und ein rotes Transparent davor: „BER: Blockieren. Einstellen. Recyclen.“ Die Pinguine verteilen sich. Hier vor dem Terminal kommt niemand mehr durch, will allerdings auch niemand im Moment. Die Polizei kündigt die Ankunft eines Fahrradkorsos an und bittet, Platz zu machen. Kiwi ist unter den schwarz-weißen Kostümen nicht mehr auszumachen. 

Der Münchner hat vorhin noch erzählt, dass er im siebenten Semester ist, dass er bald seinen Abschluss macht. Danach will er in die Forschung. Sie werden Kiwi nicht loslassen, die unbequemen Wahrheiten. Die beiden Maschinen sind gelandet.