Berlin - Manchmal hat man den Eindruck, dass kaum jemand den neuen Schönefelder Flughafen will. Doch es gibt sie, die BER-Befürworter. Thomas Kassner ist einer von ihnen. „Ich wäre froh, wenn der BER endlich öffnen und Tegel schließen würde“, sagt der 65-jährige Pensionär aus Wedding. „Der Fluglärm rund um Tegel ist unerträglich – und keiner unternimmt etwas dagegen.“ Darum hat Kassner sein Schicksal selbst in die Hand genommen. Er gehört zu dem knappen Dutzend Berliner, die vor dem Oberverwaltungsgericht (OVG) Berlin-Brandenburg in Sachen Tegel klagen. Er will erreichen, dass seine Wohnung Schallschutzfenster bekommt.

Mehrere Hunderttausend Menschen leben in Hörweite des wichtigsten Berliner Flughafens, in Pankow, Reinickendorf, Wedding und Spandau. Viele von ihnen haben sich an den Dauerlärm aus Tegel gewöhnt, aber es gibt auch Anwohner wie Thomas Kassner, die sich nicht damit abfinden wollen. Wer meint, dass sie übertreiben, sollte mal den Ex-Polizisten in seiner Wohnung unweit der Müllerstraße besuchen.

Bei Ostwind fliegen startende Maschinen im Minutentakt über das Gebäude hinweg, bei Westwind machen landende Flugzeuge Krach – und fast immer fliegen sie so tief, dass der Lärm jedes Gespräch unterbricht. Von Kassners Domizil aus kann man jedes Flugzeugdetail erkennen. Aber für die farbenfrohen Lackierungen hat der Weddinger keinen Blick mehr.

Düsenjet verursacht Knalltrauma

„Wenn Sie jeden Tag so einen Fluglärm haben, haben Sie manchmal das Gefühl, verrückt zu werden“, sagt Kassner. „Von sechs Uhr früh bis 23 Uhr gibt es hier Krach. Und zwar rund um die Uhr, denn von Nachtruhe kann keine Rede sein. Dann finden die Postflüge statt“ – nachts startet das Flugzeug, nach 3.30 Uhr kehrt es zurück. Kein Wunder, dass Kassner schlecht schläft.

Seine Wohnung ist als „gesundheitlich ungeeignet zu bezeichnen“, bekam er von einem Neurologen bereits 2005 attestiert. Zwei Jahre später wurden bei geschlossenen Fenstern 57 Dezibel gemessen, eine Lärmbelastung, die knapp unter der Stressgrenze liegt. „Seitdem hat sich die Situation weiter verschlimmert, in Tegel ist immer mehr los.“ Gab es 2007 noch 145.423 Starts und Landungen, waren es im vergangenen Jahr 174.763. In Schönefeld wurden 65.267 Flugbewegungen gezählt.

Vor knapp drei Jahren gab es ein einschneidendes Ereignis, das Kassners Misstrauen gegen den Tegeler Flugverkehr weiter vergrößerte. Ein Facharzt für Hals-Nasen-Ohrenheilkunde formulierte es später in seinem Gutachten für die Unfallversicherung so: „Am 23.01.2011 am Kurt-Schumacher-Platz wurde der Versicherte durch ein tief fliegendes Großraumflugzeug (Hainan Airlines) überraschend überflogen, dadurch für mehrere Sekunden einem extrem lauten Düsengeräusch in cirka 25 Meter Höhe ausgesetzt.“

Kassner erinnert sich noch sehr gut an jenen Tag. Er wartete mit einer Bekannten auf den Bus. „Plötzlich habe ich nichts mehr gehört. Es war so, als hätte ich Watte in den Ohren“, erzählt er. Die Diagnose des Arztes: akutes Lärmtrauma, außerdem ein Knalltrauma, offenbar durch eine Fehlzündung verursacht. Folge: unfallbedingter Hörverlust rechts und links 45 Prozent. Ursache sei der Flugzeuglärm. „Doch die Versicherung will nicht zahlen, es habe Vorschädigungen gegeben“, sagt Kassner. Auch die Anzeige gegen Hainan verlief im Sande. „Nach mehr als 14 Monaten hieß es, dass das Ereignis nicht mehr feststellbar wäre.“

Warum zieht er nicht weg? Weg von dem Lärm? „Wenn ich nicht so alt wäre und nicht 25.000 Mark in die Wohnung gesteckt hätte – vielleicht.“ Aber er weiß, dass andere im Berliner Norden und Westen erst recht keine Alternative haben, weil sie keine bezahlbare Wohnung finden oder einen Umzug nicht mehr schaffen würden. „Die Menschen dürfen nicht vertrieben werden“, meint Kassner. Schallschutz würde die Lage verbessern. „BER-Anwohner sollen ihn nun bekommen. Doch für uns bessert sich nichts.“

Sein Wohnungsunternehmen habe 2005 den Einbau von Schallschutzfenstern abgelehnt. „Sonst würden viele andere ebenfalls Ansprüche anmelden, das würde zu teuer, hieß es damals.“ Der Vermieter bezog sich auf ein Gutachten, wonach in der Wohngegend kein Schallschutz nötig sei. Zudem habe sich sonst keiner beschwert. „Die Flughafennähe stellt kein Vermietungsproblem dar“, so die Bilanz.

Und so ist Kassner jetzt vor Gericht gezogen. Die Klage richtet sich gegen das Land Berlin. „Ich klage auf Schallschutz oder Entschädigung. Schallschutz wäre mir lieber.“ Im Juni ist mündliche Verhandlung.