Es ist ein Eichhörnchen, das an diesem Vormittag in Grunewald den Beweis erbringt, dass die Straßen nicht komplett unter der Fuchtel der Stille stehen. Ich spaziere mit einer Freundin, staune über die Größe der Häuser und einige Male über Schönheit und Stil. Doch obwohl ich Ruhe schätze, ist sie mir hier zu raumgreifend. Es ist, als hätte die Leere die Stadt vom Nachbarstuhl geschubst. Dass die sich nicht so einfach von ihrem Platz verweisen lässt, begreife ich aufatmend, als wir uns Halensee nähern, wo das Viertel endet. Wo etwas Neues beginnt: der Kurfürstendamm. Zaghaft. Oder gelassen?

Ein hier ausgesetzter Tourist würde vermutlich weder ein Ende noch einen Anfang sehen. Höchstens das Ende seiner Illusionen. Nichts sieht hier nach den Bildern aus, die beim Klang des Wortes „Kudamm“ auftauchen. Prachtvolle Fassaden, Blumenrabatte, Markennamen in goldenen Lettern, Menschen in schicken Mänteln und mit viel Zeit vor Restaurants. Ich sehe: eine Tankstelle, ein Reisebüro, eine Night Lounge und ein Autohaus. Einen Baumarkt, ein Pfandhaus, Imbissbuden und einen Ein-Euro-Shop. E-Roller und Carsharing-Autos. Die habe ich im Villenviertel gar nicht gesehen. Es kommt ja niemand, um damit wieder loszufahren. Was es auch nicht gibt: Spielplätze. Wozu auch, wenn jedes Haus von einem Garten umgeben ist.

Der Kudamm erinnert mich auf diesen Metern an das letzte – oder erste – Stück der Friedrichstraße zwischen dem Halleschen Tor und dem Checkpoint Charlie. Auch dort scheinen die Galeries Lafayette oder der Friedrichstadtpalast weiter entfernt als Moabit. Beide Abschnitte wirken wie kaputte Haarspitzen, kaum zu sehen, weil die Frisur ansonsten sitzt. Anders als Spliss haben diese Übergänge aber eine wichtige Aufgabe. Sie mögen in ihrer Mixtur etwas Unentschlossenes haben. Ich glaube jedoch das Gegenteil, nämlich, dass die Stadt an diesen Orten viel mehr bei sich ist als in der Eindeutigkeit. Sie wirken wie Klammern. Hindern die Stadt daran, noch mehr auseinanderzufallen. In den 20 Minuten, die ich von Halensee zum Lehniner Platz laufe, sehe ich Hunderte Menschen. Verschiedenster Herkunft und mit verschiedenen Zielen.

In der Cafeteria der Schaubühne bekommt die Frau vor mir gerade ihren Milchkaffee. Sie trägt einen ockergelben Mantel und einen ockergelben Hut. Der Mann hinter dem Tresen fragt sie etwas. Sie verneint. Und fügt hinzu: „Ich bin Putzfrau.“ Er erwidert: „Das muss ja nichts heißen.“ Und lächelt. Der Milchschaum zeigt das üblich gewordene Herz und hier passt es irgendwie. Draußen sehe ich, dass auch ihre Schuhe zum Outfit passen und denke: Sie sieht aus, als ob sie eine Putzfrau hätte. Und schäme mich. Das Leben streichelt mir begütigend über den Kopf und kichert über meine Schubladen. Über der Schaubühne prangen die Worte: „Wirklicher wird’s nicht.“