Ein wenig schwerfällig ist sein Gang, als er das Café am Heinrichplatz betritt. Er hat ansehnliches graues Haar und trägt eine dunkelblaue Regenjacke. Er begrüßt Frank Behnke, seinen Freund und Manager, der ihm aus der Jacke hilft. Klein und rundlich ist der Mann, der in Fan-Kreisen gerne der „Kreuzberger Beatle“ genannt wird. Ein freundlicher, älterer Herr mit einer hohen Stimme, der sich einen Cappuccino bestellt. Ein Rockstar sieht anders aus, mag man denken. Aber Klaus Beyer ist auch kein Rockstar. Er ist ein Gesamtkunstwerk.

Hier um die Ecke, in der Nähe des Kottbusser Tors, ist er aufgewachsen, die meiste Zeit seines Lebens hat er in Kreuzberg gelebt. Er ist gelernter Kerzenmacher, sein Vater hatte ihm einst den Ausbildungsplatz verschafft. Seit seiner Entlassung vor ein paar Jahren ist Klaus Beyer ohne Job.

Beschäftigungslos ist er deshalb nicht. Seit den 80er-Jahren dreht Klaus Beyer Filme, die er in dieser Zeit immer wieder im Kino Sputnik präsentierte. Es sind kurze Werke, meistens spielt er alle Rollen selbst. Der eigentlich eher schüchterne Mann verwandelt sich dann in Cowboys, Bankräuber oder schmierige Straßenhändler. Die Dialoge pendeln zwischen gewitzten Momentaufnahmen und etwas platten Wortspielen und Kalauern. Aber auch kleine Animationsfilme gehören zu seinem künstlerischen Oeuvre.

Doch vor allem ist Klaus Beyer Musiker. Die Alben der Beatles hat er allesamt auf Deutsch aufgenommen. Seit 1999 jedes Jahr eines. Voriges Jahr ist er fertig geworden. Was ursprünglich damit anfing, dass er für seine Mutter ein paar Beatles-Texte mit Hilfe eines Wörterbuchs übersetzte, hat er über die Jahre zu einem bemerkenswerten Gesamtwerk ausgeweitet. Eigene Songs schreibt er natürlich auch.

Man könnte Klaus Beyer vieles vorwerfen. Dass er nicht besonders schön singen kann. Dass seine Songs stümperhaft produziert sind. Doch das führt am Kern seines Schaffens vorbei. Denn Beyers Werk lässt sich nicht mit den Maßstäben des Mainstreams, des leicht konsumierbaren Kulturguts messen.

Mit zwei Tonbandgeräten ans Werk

Seine Aufnahmemethode ist so altmodisch, dass es an ein Wunder grenzt, dass sie unter den Hipstern nicht gerade als Nonplusultra der Coolness gefeiert wird. Mit zwei Tonbandgeräten macht er sich ans Werk. Das eine spielt die Songs der Beatles ab, auf dem anderen wird aufgenommen. Takt für Takt schneidet sich Klaus Beyer die Stellen heraus, auf denen die Beatles nicht singen. Hat er den Song fertig geschnitten, singt er seinen deutschen Text darüber.

Das klingt häufig holprig, macht aber den Charme der Aufnahmen aus. Es ist womöglich die Vervollkommnung des Do-It-Yourself-Gedankens, sich nicht von den Vorgaben der Industrie, sondern von der eigenen Kreativität leiten zu lassen. Dies wird gerne den Punks der frühen Jahre attestiert. Womöglich ist Klaus Beyer also, ohne es zu wissen und zu wollen, ein echter Punkrocker.

Umso raffinierter erscheint es deshalb, dass Klaus Beyer für seine Aufnahmen ausgerechnet die Band gewählt hat, auf die sich fast alle Menschen einigen können. Das erlaubt ihnen einen leichteren Zugang zu der Welt, in der sich Klaus Beyer bewegt. Die Welt, die Christoph Schlingensief einst als das „System Klaus Beyer“ bezeichnet hat.

Es ist eine Welt, die bisweilen kindlich anmutet. Wie etwa bei seinem Hit „Die Glatze“ aus den 80ern. Darin singt er: „Ich habe nicht ein Haar/hab eine Glatze, ja/ Ich hab keine Probleme/mit irgendeiner Mähne.“ Das Video zu dem Lied, wie alle Klaus-Beyer-Filme auf Super 8 gedreht, wird in den 90er Jahren auf MTV im Nachtprogramm gespielt.

Mit Punkrock selbst hatte er bis vor ein paar Monaten nichts zu tun. Da kam ein Anruf aus New York. Am Telefon: Osaka Superstar, eine sogenannte Supergroup, bestehend aus ehemaligen Mitgliedern der Punklegenden Misfits, Ramones, Black Flag und Voidoids. Deren Sänger John Caffiero ist seit Jahren Fan von Klaus Beyer. Ob er eine Version ihres Songs „Shaolin Monkeys“ aufnehmen könnte. Klaus Beyer sagt zu. Es entsteht „Shaolin Affen“.

Eigentlich ist diese Musik zu hart für ihn. Spaß hat es ihm dennoch gemacht. Im Videoclip, der von seinem Freund Jörg Buttgereit gedreht wurde, läuft Klaus Beyer als alternder Punk durch Kreuzberg. „Ich habe mich stärker gefühlt“, sagt er über die Erfahrung. Vor einigen Wochen hat er den Song bei einem Konzert zu seinem 60. Geburtstag vorgestellt.

Es war sein letzter Bühnenauftritt. Zu mühselig sind Konzerte für ihn geworden. Im Januar ist er aus Kreuzberg weggezogen. Mit seiner Schwester wohnt er nun in Lichtenrade, geht spazieren, erledigt Hausarbeiten. Alle zwei oder drei Tage setzt er sich an sein Keyboard und entwickelt die Melodien, auf die er dann seine Texte singt. Die nächsten Lieder sollen witzig werden, verrät er. Auch Filme will er weiterhin drehen.

In Lichtenrade hat er seine Ruhe, das genießt er. „Aber natürlich fehlt mir die Action in Kreuzberg manchmal schon.“