Das öffentliche Örtchen – wenn man's braucht, ist es selten in der Nähe. 
Imago Images/Bick Diggory

Seit einigen Wochen steht ein paar Blocks entfernt von meiner Wohnung eine neue öffentliche Toilette. Aha, gut, denke ich beim ersten Vorbeigehen. Ist ihrer Natur ungemäß schick, sichtbar, ohne sich aufzudrängen. Die Holz-Metall-Fassade wirkt einladender als das Litfaßsäulen-Imitat, in das frau sich zuvor für 50 Cent einschleusen lassen musste, wenn sonst wirklich keine andere Option erreichbar war.

Viele dürften den Autopiloten kennen, der die typischen Szenen aus einem Sommer in der Großstadt, das Bier im Park, das Im-Öffentlichen-Raum-Sein, mitsteuert: unterliegender Grundmodus ist das Scannen möglicher Klo-Optionen. Meldet sich die Natur, erst zaghaft, beginnt die latente Suche, als Nebentätigkeit, noch im Gespräch, aber schon zur Hälfte (abwärts) abwesend. Dann die konkrete Suche, sie beginnt aus den Augenwinkeln, bis sich die Nackenmuskulatur dazuschaltet – Blick nach links, rechts, hinten – letzte Stufe, manifest: Ganzkörpertippeln. Üblicherweise verschafft der freundliche Mitarbeiter des Imbisses in der Nähe mit einem kurzen Kopfnicken die erleichternde Rettung.

Der sich langsam verabschiedende Sommer dieses absurden Jahres 2020 hat jene vom Komischen bis ins Tragische changierenden Situationen teilweise ins Superlative katapultiert. Imbisse und Cafés hatten – Achtung: Unwort – „Corona-bedingt“ wochenlang zuerst ganz geschlossen, dann durfte nur noch im Straßenverkauf konsumiert – und damit der Laden nicht betreten werden. Auch der Späti, der die Bierbänke wieder vor die Tür stellte, konnte, sollte oder durfte niemanden mehr auf die Toilette lassen. So sehr ich durchweg für einen verantwortlichen Umgang mit den Maßnahmen, die die gesellschaftlichen Schäden der Pandemie begrenzen, war und bin, so sehr hat meine Blase darunter gelitten.

Ich freute mich also über das schnieke Toilettenhäuschen. Das eines von fast 70 neuen Toiletten ist, die die Stadt bis 2021 für immerhin sieben Millionen Euro aufstellen will, wie ich dann in den Zeitungen lese. Barrierefrei sind sie, immerhin, die Berliner Klos sind also im 21. Jahrhundert angekommen. Dachte ich.

50 Cent kostet das Vergnügen noch immer, das lässt sich bestimmt mit Instandhaltung argumentieren. Oder damit, dass die Rechnung gegen einen monetären Ausgleich eher nach dem Motto „wie Sie es vorzufinden wünschen“ aufgeht. Bloß, beim dritten oder vierten Vorbeigehen fällt mir auf: die Erleichterung kostet nicht für alle das gleiche. Nein, die Pissoirs sind hinter einer halboffenen Trennwand versteckt – umsonst. Nur Personen, die sich eben nicht im Stehen erleichtern können oder wollen, aus welchem Grund auch immer, müssen also bezahlen.

Liebes Berlin, in einem Jahr, in dem wirklich niemand mehr behaupten kann, von struktureller Diskriminierung noch nichts gehört zu haben, fühle ich mich plötzlich in puncto Pinkeln wieder einige Schritte zurückgesetzt. Manchmal sind es eben die kleinen Geschäfte, die an größere Baustellen erinnern.