Berlin - Die Wege heißen nach Blumen: Nelkenweg, Fliederweg, Dahlienweg. In den Parzellen werden die letzten Äpfel und Birnen geerntet, erste Beete winterfest gemacht. Der Biergarten am Vereinsheim ist mit Wimpeln geschmückt, dahinter ist ein Spielplatz mit Rutsche, Wippe und Sandkasten, auf dem gern auch Kinder aus benachbarten Kitas spielen. Im Schaukasten hängen Angebote der Woche: zwei neue Alu-Liegen, Preis Verhandlungssache; für Schlachtkaninchen werden Bestellungen entgegengenommen. Gut sichtbar ist ein Schreiben angebracht: „Bitte werdet alle aktiv und schreibt als Privatpersonen Aufforderungs-Emails an unsere Politiker!“ Denn die Gartenkolonie Oeynhausen in Schmargendorf, mit 108 Jahren eine der ältesten in Berlin, ist bedroht.

Die Schrebergartenkolonie an der Forckenbeckstraße ist nur ein Beispiel von vielen. Denn die Kleingartenfläche in Berlin ist seit dem Jahr 1947 um fast die Hälfte geschrumpft. Die Gärten mussten Industrieansiedlungen weichen, dem Straßenbau und dem Bau neuer Wohnungen. Inzwischen scheint Gartenland begehrter als je.

Auch auf zwei Dritteln des Geländes von Oeynhausen sollen Wohnungen entstehen, etwa 700. Die will eine Luxemburger Tochterfirma des amerikanischen Finanzinvestors Lone Star Fund, die Lorac Investment Management S.a.r.l., bauen. Denn noble Eigentums- oder Mietwohnungen rechnen sich in dem Stadtteil, von dem es nicht weit zum Kurfürstendamm und der City West ist. Zumal Lorac das Grundstück im Jahr 2008 äußerst günstig von der Post erworben hat – zusammen mit etwa 1300 anderen Post-Immobilien in ganz Deutschland. Nach Erkenntnissen der Kleingärtner aus Oeynhausen hat der Investor zum Quadratmeterpreis von 6,45 Euro gekauft. Bauland im Stadtteil kostet je Quadratmeter zwischen 400 und 600 Euro.

„Fehler der Politik“

„Lieber Schnecken als Heuschrecken“ und „Oeynhausen muss bleiben“, haben die Kleingärtner auf große Schilder geschrieben, die sie für Demonstrationen bereithalten und im Vereinsheim lagern. Damit machen sie auch sich selbst Mut. Denn ob es eine Zukunft für den größten Teil der Anlage gibt, jene 301 Parzellen auf dem früheren Postgelände, ist ungewiss. „Wir werden seit Jahren verschaukelt“, sagt Alban Becker, der für die Schrebergärtner die Rolle eines Medienbeauftragten übernommen hat. Er hat, gemeinsam mit anderen Mitstreitern, eine Internetseite für die Kolonie gestaltet. Und er baut Kontakte auf: „Wir wollen um unsere Gärten kämpfen“, sagt er. Öffentlichkeit herzustellen darüber, was dort passiert, gehöre auch dazu.

Becker moniert „Fehler der Politik“. Schon seit dem Bau der „Schlange“ in den 70er Jahren, des riesigen Wohnhauses in Wilmersdorf, das die Autobahn überspannt, sei den Wilmersdorfer Kleingärtnern Sicherheit für ihre Anlagen versprochen worden. Denn auch für die Wohnmaschine an der Schlangenbader Straße mussten Gärten weichen – von rund 7000 Parzellen Ende der 1960er-Jahre gibt es derzeit auf dem Gebiet des Altbezirks Wilmersdorf noch 1700.

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Die Kolonie Oeynhausen sollte schon seit Jahrzehnten durch einen Bebauungsplan als Kleingartenfläche gesichert werden. Doch trotz mehrfacher Anläufe geschah nichts. So entstand eine rechtlich komplizierte Situation: Das Gelände ist seit 1958 als „allgemeines Wohngebiet“ (und damit Bauerwartungsland) ausgewiesen, doch seit 1988 ist es im Berliner Flächennutzungsplan als Grünfläche mit Zweckbestimmung „Kleingärten“ verankert. Die Investoren beharren auf dem alten Bebauungsplan – und sind gegen den Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf, der eine Bauvoranfrage negativ beschieden hat, vor Gericht gezogen. Denn der Bezirk wollte nach dem Verkauf des Grundstückes nun endlich das Gartenland sichern – und den jahrzehntelang diskutierten Bebauungsplan verabschieden. Einstimmig hat sich das Bezirksparlament für den Erhalt der Kolonie ausgesprochen.

Doch beschließt der Bezirk den Rettungsplan, könnte bei einer Niederlage vor Gericht hoher Schadensersatz drohen, sagt der Bezirksstadtrat Marc Schulte (SPD). Deshalb hat er seine Unterschrift noch nicht unter das Papier gesetzt. Im Gespräch sind Forderungen des Investors um die 20 Millionen Euro. Die Senatsfinanzverwaltung hat es bisher abgelehnt, das mögliche finanzielle Risiko mitzutragen. „Der Ausgang des Verfahrens sollte abgewartet werden“, sagt ein Sprecher der Behörde. Man sei aber gern bereit, mit dem Bezirk „nach weiteren Möglichkeiten zur Sicherung der Kleingärten zu suchen“.

Lange Wartelisten für Parzellen

Günter Knüppel reicht das nicht. Der 67-Jährige musste schon einmal eine Parzelle aufgeben, vor zwei Jahren am Columbiadamm in Tempelhof: „Dort entstehen jetzt Genossenschafthäuser für den gehobenen Mittelstand.“ Seit einem Jahr ackert er nun auf seiner Scholle in Oeynhausen: „Hier gehe ich nicht mehr weg“, sagt er. „Wir werden Widerstand leisten und uns noch einiges einfallen lassen.“

Günther Landgraf, der Präsident des Landesverbandes der Gartenfreunde, sagt: „Es gibt in der Stadt genügend Brachflächen oder nicht mehr genutzte Gewerbekomplexe die für Wohnungsbau geeignet sind.“ Gerade in der Innenstadt würden Kleingärten gebraucht, zur Naherholung und für den Klimaschutz. Es gebe eine große Nachfrage nach Parzellen, mit langen Wartelisten. Insbesondere junge Familien wollten einen Kleingarten, auch um dort ihr eigenes Obst und Gemüse anzubauen. Er fordert, die Berliner Kleingärten generell durch Bebauungspläne zu sichern: „Erst dann sind sie wirklich in ihrem Bestand geschützt.“ Solche Pläne an der Finanzierung scheitern zu lassen, sei kein „politisch sinnvolles Argument“.