Sie heißen Fliedergrund, Steinreich, Zur Linde oder Sorgenfrei: Rund 40 Kleingartenanlagen in Berlin sollen in den nächsten Jahren dem Wohnungsbau weichen. Der Stadtentwicklungsplan Wohnen, der zurzeit zwischen SPD und CDU abgestimmt wird, sieht vor, dass rund 8000 Wohnungen auf den Parzellen entstehen. Dagegen kündigen Gartenfreunde Widerstand an. „Wir lehnen die weitere Vernichtung von Kleingärten in Berlin ab“, sagt Günter Landgraf, Präsident des Landesverbandes der Gartenfreunde. „Die Pläne, Kleingärten für den Wohnungsbau zu opfern, sind altes Denken und widersprechen den Ankündigungen zum dauerhaften Schutz der Kleingartenanlagen“, sagt er. „Betroffen von den Plänen wären wieder einmal jene Bürger dieser Stadt, die sich nichts anderes leisten können. Dies ist nicht hinnehmbar.“ Es seien bereits viel zu viele Anlagen geopfert worden.

Bevölkerungszuwachs von 239.000 Menschen

Laut dem Plan von Stadtentwicklungssenator Michael Müller (SPD) gibt es in Berlin Flächen für den Bau von rund 220.000 Wohnungen. Nur ein kleiner Teil steht kurzfristig für eine Bebauung zur Verfügung. Bis zum Jahr 2025 werden wegen des erwarteten Bevölkerungszuwachses von 239.000 Menschen 137.000 neue Wohnungen benötigt. Sie sollen zum Teil auf Kleingartenareal entstehen. „Es werden nur Kleingärten in Anspruch genommen, deren Schutzfrist entsprechend abgelaufen ist, oder die als private Flächen keine Schutzfrist haben“, heißt es in dem Plan.

Für die Anlagen „Seesener Straße“ und „Durlach“ in Wilmersdorf, für „Kalowswerder“ in Charlottenburg und die Kolonie „Fliedergrund“ in Buckow ist dem Plan zufolge „eine kurzfristige Inanspruchnahme vorgesehen“. Kurzfristig heißt, bis zum Jahr 2016. Vier weitere Anlagen sollen bis 2020 dran kommen. Die übrigen Flächen sind für die Zeit bis 2025 und danach als Bauland eingeplant. In den bedrohten Kolonien befinden sich nach Angaben des Landesverbandes der Gartenfreunde rund 3.300 Kleingärten – gut 73.000 gibt es in Berlin.

Die Stadt brauche grüne Oasen

„Wir sind nicht gegen den Wohnungsbau, wir sind dafür, dass neuer Wohnraum entsteht“, sagt Günter Landgraf. „Es gibt aber genügend freie Flächen in der Stadt, auf denen die neuen Wohnungen gebaut werden können.“ Ein Beispiel sei das Tempelhofer Feld. Dort sollten nicht nur neue Wohnungen gebaut werden, sondern auch Kleingärten entstehen. „Die Kleingärten sind für viele Berliner ein wichtiger Lebensraum“, sagt Landgraf.

Gerade in Zeiten des Klimawandels würden sie in der Stadt als grüne Oasen gebraucht. „Wir haben nicht zu viele, sondern zu wenig Kleingärten“, sagt Landgraf. Für einen Kleingarten gebe es 12.000 Bewerber. Dem stünden nur 3.000 Pächterwechsel pro Jahr gegenüber. Und jedes Jahr kämen weitere 1000 Bewerber hinzu. „Wir fordern deswegen 3000 bis 6000 neue Parzellen“, so Landgraf. „Wenn die 40 Kolonien für den Wohnungsbau verschwinden sollen, wird es Kampf geben.“

Die Stadtentwicklungsverwaltung verteidigt die Pläne. „Baulücken und Brachflächen werden vorrangig für Wohnungsneubau herangezogen, sind aber begrenzt“, erklärt Behördensprecherin Petra Rohland. Im Einzelfall seien Kleingartenflächen zu aktivieren. Die CDU beurteilt die Pläne kritisch. „Ich bin überrascht davon, in welchem Ausmaß Kleingärtenflächen für den Wohnungsbau vorgesehen werden sollen“, sagt Fraktionsvize Stefan Evers. Es sei zu prüfen, ob das tatsächlich notwendig ist. „Es ist unser Ziel, möglichst viele Kleingärten zu erhalten und den Pächtern eine klare Perspektive zu geben“, so Evers. „Es kann nicht sein, dass auf Verdacht Kleingartenflächen zu Bauland erklärt werden.“