Kleingärten und Datschen in Berlin müssen Bauprojekten weichen

Berlin - Sie freuen sich auf einen entspannten Sommer in ihren kleinen Paradiesen – doch immer mehr Kleingärtner müssen in Berlin in eine ungewisse Zukunft blicken.

Wie in der Kolonie „Sorgenfrei“ . Auf den kleinen Grundstücken der 60 Laubenpieper wachsen nicht nur allerlei bunte Blumen, sondern auch Ängste. Allein sind die Datschennachbarn mit ihren Problemen nicht. Das Grundstück, auf dem sich die „Sorgenfrei“ befindet, gehört der Bahn. Nun will das Unternehmen das 39.000 Quadratmeter große Areal verkaufen, die Gärtner erfuhren davon per Internet-Anzeige. „Die Bahn hat niemanden vorab über die Verkaufspläne informiert, sagte Christin Sellnow vom Vorstand der Kolonie.

Bauen auf Kleingärten. Gerade in Berlin ein sich ständig wiederholendes Phänomen: Immer mehr Kolonien stehen vor dem Aus, weil die grünen Oasen wegen gut verkaufbarer Bau-Projekte dem Grundstücks-Poker zum Opfer fallen. Beim Bundeskongress der Kleingärtner wandten sich Deutschlands Laubenpieper jetzt mit einem deutlichen Appell an die Politik. „Es kann nicht sein, dass ein Weißbuch mit dem klaren Bekenntnis zu mehr grüner Infrastruktur herausgegeben wird und andererseits Kleingartenanlagen zugebaut werden“, sagte Peter Paschke, Präsident des Bundesverbandes Deutscher Gartenfreunde. „Eine nachhaltige Stadtplanung muss Kleingärtner einbeziehen“.

Kritik kommt auch von Günter Landgraf (69), Chef des Landesverbandes Berlin. „Es gibt immer wieder Probleme mit Investoren, die aus ihren Flächen viel Kapital schlagen wollen.“ Erst kürzlich machte eine Liste mit Kolonien die Runde, deren Parzellen bald das Ende droht. 2958 Grundstücke sind es, die auf der Kippe stehen. Die Stimmung ist angespannt. Landgraf: „Es gibt ältere Kleingärtner, die resignieren und jüngere, die große Angst haben, dass sie ihre Parzellen nicht lange nutzen können.“

An den Kragen soll es so etwa der Kolonie „Ehrliche Arbeit“ in Adlershof gehen. „Wir müssen ständig damit rechnen, dass die Bagger hier alles hier plattmachen“, sagte Gärtner Dieter Brune (73). Es soll ein Sportplatz für die Anna-Seghers-Schule entstehen. Ärger gab es auch in Schmargendorf. Nach langem Streit rückten im Januar 2016 die Bagger an, 150 Parzellen der Kleingartenanlage Oeynhausen mussten für Wohnungsbau weichen. „Wenn die Stadt wächst, muss man auch für Grünflächen Platz schaffen“, sagt Landgraf.

14.000 Menschen warten auf einen Garten

Werden Flächen plattgemacht, muss laut Paragraf 14 des Bundeskleingartengesetzes Ersatzland bereitgestellt werden. „Aber besonders die Berliner sind gebrannte Kinder. Das meiste, das in der Vergangenheit passierte, führte nur zum Rückbau der Gärten.“ Das kritisiert auch Friedrich Pils vom Präsidium der Gartenfreunde. „Wie lebenswert sind neue Wohnungen, wenn sie nur aus Beton bestehen und es keine Grünflächen gibt?“, fragt er. Wie dramatisch die Lage ist, zeigen die Wartelisten. „In Berlin warten rund 14.000 Menschen auf einen Garten“, sagt Landgraf. Fluktuation herrscht bei 3000 Parzellen im Jahr.

Heißt: Im Durchschnitt müssen Laubenpieper etwa vier bis sechs Jahre warten, bis sie ein freies Grundstück bekommen können. „Wenn man die vorhandenen Flächen zubaut, kann man das Bedürfnis auch in Zukunft nicht befriedigen“, so Landgraf. Unter den Gärtnern selbst denkt man über Lösungen nach. Verdichtung ist das Zauberwort. Wer eine große Datsche hat, könnte auf einen Teil verzichten und dafür neue Nachbarn bekommen. Ohne Ärger dürfte dies jedoch ebenso wenig ablaufen. Landgraf: „Wir müssen den Kleingärtnern klarmachen, dass wir wie bisher nicht weitermachen können.“