Berlin - Ein gelbes Plakat mit schwarzen Buchstaben spannt sich quer über den Zaun: „Der Fliedergrund muss bleiben.“ Auf einem anderen steht: „Stoppt die Vernichtung unserer Kleingarten-Kolonie.“ Nach 85 Jahren soll Schluss sein mit der Kleingartenanlage „Fliedergrund“. Die kleine Kolonie am Wiedehopf-/Laubsängerweg in Buckow mit nur 23 Parzellen, inmitten eines Siedlungsgebietes gelegen, soll einem Wohnungsbauprojekt weichen. Der Liegenschaftsfonds als Eigentümer will die knapp 8 000 Quadratmeter große Fläche vermarkten.

„Wir werden uns bis zum Letzten wehren“, sagt Kolonie-Chefin Jutta Fischer (67). Sie hat schon ihre Kindheit und Jugend im „Fliedergrund“ verbracht, auf ihrer etwa 350 Quadratmeter großen Parzelle wachsen Blumen und Gemüse, an der Laube gibt es einen gemütlichen, windgeschützten Sitzplatz im Freien. „Dort treffen wir uns immer zum Kartenspielen“, erzählt sie. Auch Dagmar Krüger (59), die Schriftführerin des Kleingartenvereins, ist seit frühester Jugend Schrebergärtnerin. „Schon mein Urgroßvater hatte den Garten hier“, sagt sie. Für Heinz Haut (82) bedeutet die Anlage ein Stück Heimat. „Ich will hier nicht weg“, sagt er mit Tränen in den Augen.

Doch der Abschied scheint besiegelt. Denn 2006 wurde die Kleingartenanlage, die nicht als Gartenland gesichert ist, vom Bezirk Neukölln an den Liegenschaftsfonds übergeben. Schon im 1988 beschlossenen Flächennutzungsplan von Berlin ist das Areal als Bauland ausgewiesen. Der Bezirk hatte sich damals mit einem Wunsch nach dauerhafter Sicherung der Kolonie gegenüber dem Senat nicht durchsetzen können.

Lange Zeit geschah nichts

„Die Pächter wussten seit langem, dass über ihnen das Damoklesschwert der Räumung hängt“, sagt Neuköllns Baustadtrat Thomas Blesing (SPD). „Sie haben das nur verdrängt.“ Lange Zeit geschah ja auch nichts. Doch nachdem die rot-schwarze Koalition beschlossen hat, 30 000 neue Wohnungen zu bauen, wird der Liegenschaftsfonds jetzt auch in Buckow aktiv. Er hat den Bezirk um die Aufstellung eines Bebauungsplans ersucht. Dazu ist dieser gesetzlich verpflichtet. „Wir haben verabredet, dass eine städtebauliche Entwicklungsstudie erarbeitet wird“, sagt Blesing. Denn was auf dem Gelände gebaut wird, soll sich harmonisch in die Umgebung, die von Ein- und Zweifamilienhäusern geprägt wird, einfügen.

Irina Dähne, die Sprecherin des Liegenschaftsfonds, sagt, dass die Struktur der Parzellen auch bei einer Neubebauung erhalten bleiben soll. Geplant sei eine Vermarktung ab nächstem Jahr, auch die Kleingärtner könnten sich ja um einen Kauf bemühen. Preise nennt sie noch nicht: „Die macht der Markt.“ Laut dem Immobiliendienstleister Immowelt lagen die durchschnittlichen Grundstückspreise je Quadratmeter in Buckow im Mai dieses Jahres bei 311 Euro. Viel zu teuer für die Schrebergärtner, von denen viele nur eine kleine Rente beziehen: „Das kann sich kaum einer leisten“, sagt Jutta Fischer. Die Kleingärtner sind deshalb beim Bezirksparlament von Neukölln vorständig geworden und haben auch an alle Parteien im Abgeordnetenhaus geschrieben. „Wir wollen eine Dauer-Kolonie werden“, sagt Jutta Fischer.

Pächter vom Kleingärtner-Bezirksverband Süd werden bevorzugt

Stadtrat Blesing sieht dafür wenig Chancen. „Wir bedauern das natürlich.“ Er sagt, dass nach der Sommerpause der Entwurf des Bebauungsplanes ausgelegt werden wird. Dann könnten auch die Kleingärtner und die Anwohner ihre Kritiken und Anregungen vorbringen. Der Plan solle, wenn alles planmäßig verlaufe, vor der Sommerpause 2013 im Bezirksparlament abgestimmt werden.

Den Schrebergärtnern aus dem „Fliedergrund“ verheißt Blesing Ausgleichsflächen nach dem „Neuköllner Modell“. Danach werden bei der Vergabe neuer Gärten Pächter vom Kleingärtner-Bezirksverband Süd bevorzugt, die wegen Bauvorhaben ihre Parzellen aufgeben mussten. „Wir haben im Bezirk mit rund 10.000 Kleingärten schließlich die meisten in Berlin“, sagt Stadtrat Blesing.