Klicken statt anstehen: Der norwegische Online-Supermarkt Oda kommt nach Berlin

Im Berliner Lebensmittelhandel ist bis 2030 ein Marktvolumen von zwei Milliarden Euro an Lieferdienste zu verteilen. Oda steigt ein und verspricht 800 Jobs.

Das Oda-Logistikzentrum in Mittenwalde-Ragow.
Das Oda-Logistikzentrum in Mittenwalde-Ragow.Oda

Das kleine Städtchen Mittenwalde im brandenburgischen Landkreis Dahme-Spree steht bei Ansiedlungs-Scouts von Unternehmen derzeit offenbar hoch im Kurs. Erst vor einigen Wochen wurde bekannt, dass Google dort eines von zwei Rechenzentren in Deutschland errichten will, wofür man insgesamt eine Milliarde Euro veranschlagt hat.

Für Waren- statt Datenumschlag hat sich nun der norwegische Online-Supermarkt Oda im Ortsteil Ragow unmittelbar an der Autobahn A13 niedergelassen. Von dort aus wollen die Skandinavier den Berlinern den Routinebesuch bei Aldi, Rewe, Edeka und Co. abgewöhnen und ihnen dafür den Wocheneinkauf bis an die Wohnungstür liefern. Wieder mal.

Oda gibt es seit 2013. Das Unternehmen wurde von zehn Freunden gegründet, die laut Eigendarstellung nicht weniger wollten, als „das effektivste Retail-System der Welt“ aufzubauen. Man sprach auch nicht einem Geschäftsmodell, sondern von einer Mission. Sieben Jahre hatten sie ihr Lebensmittel-Liefersystem stetig verfeinert, bis 2021 namhafte Investoren überzeugt und bislang mehr als 350 Millionen Euro eingesammelt werden konnten. Der japanische Softbank-Konzern gehört ebenso dazu wie die schwedische Beteiligungsgesellschaft Kinnevik, der über viele Jahre etwa ein Drittel des Online-Modehändlers Zalando gehörte, bevor sie dort Anfang 2021 ausstieg. Nun also Karotten statt Klamotten.

Inzwischen ist das Start-up aus Oslo Norwegens führender Online-Supermarkt. Im vergangenen Jahr brachte es das Unternehmen auf einem Umsatz von 250 Millionen Euro. Zu Beginn dieses Jahres begann mit der Eröffnung einer Filiale in Helsinki die internationale Expansion. Nach dem erfolgreichen Start in Finnland folgt nun Deutschland. „Jetzt geht es mit Berlin weiter“, sagt Malte Nousch.

Der 42-Jährige lenkt von einem Büro im Kreuzberger Wrangel-Kiez aus Odas Deutschland-Start. Seit dem vergangenen Sommer ist Nousch in der Stadt. Er suchte Büros für die Deutschland-Zentrale, rekrutierte Mitarbeiter und brachte den Bau des Logistikzentrums bei Mittenwalde auf den Weg. Dabei war es für den Oda-Manager gewissermaßen auch eine Rückkehr.

Das Logistik-Zentrum bei Mittenwalde.
Das Logistik-Zentrum bei Mittenwalde.EQT-Exeter

Denn bereits 2016 war er bei der Supermarkt-Kette Kaufland maßgeblich daran beteiligt, in Berlin einen eigenen Lieferservice für Lebensmittel aufzubauen. Von hieraus sollte der neue Service bundesweit ausgerollt werden. Das Projekt galt seinerzeit durchaus als erfolgreich, wurde aber dennoch nach 15 Monaten überraschend wieder gestoppt und ersatzlos gestrichen. Nun versucht es Nousch also erneut. „Ich habe immer an den Lebensmittel-Onlinehandel geglaubt“, sagt er.

Und nun also wieder Berlin, obwohl die Konkurrenz hier so groß ist wie nirgendwo sonst im Land. Die Supermarktdichte in der Stadt markiert einen Spitzenwert. Nicht selten hat man drei in Sichtweite. Hinzukommen Lieferdienste wie Wolt, Flaschenpost, Rewe und Amazon Fresh, die sich abseits der Zehn-Minuten-Boten als Lieferant für den größeren Einkauf empfehlen. Nousch sieht allerdings einen entscheidenden Vorteil. Er sagt, die Berliner seien auch am ehesten bereit, Neues auszuprobieren.

Konkurrenz in Berlin so groß wie nirgendwo sonst

Vor allem aber gibt es hier viel zu holen. Denn nach Analysen des Marktforschungsunternehmens Appinio kaufen nach wie vor 64 Prozent der Berlinerinnen und Berliner Lebensmittel ausschließlich im Geschäft und nur 1,7 Prozent online. Nouschs Referenzgröße ist London, wo bereist 15 Prozent des Lebensmittel-Umsatzes online generiert werden. Sogar 17 Prozent halten Einzelhandelsforscher bis 2030 auch in Deutschland für möglich. Verknüpft man diese Prognose mit den elf Milliarden Euro, die in Berlin jährlich für Lebensmittel, Getränke und Drogerieartikel ausgegeben werden, so sind in dieser Stadt in den nächsten Jahren knapp zwei Milliarden Euro neu zu verteilen. Davon will Oda ein großes Stück. „Wir kommen nicht, um mit fünf Prozent Marktanteil zufrieden zu sein“, sagt der Deutschland-Chef.

In Ragow bei Mittenwalde läuft derzeit noch der Innenausbau des gut 15.000 Quadratmeter großen Logistikzentrums. Mehr als 9000 verschiedene Produkte sollen dort gelagert werden. Unternehmensangaben zufolge wird in der Halle modernste Lager- und Verteiltechnik installiert. Eine im eigenen Haus entwickelte Logistik-Plattform steuert demnach sämtliche Schritte der Lieferkette der Lebensmittel von der Beschaffung bis zur Übergabe an der Haustür des Kunden. Ein großer Teil ist automatisiert. Laut Nousch wurden eigene Algorithmen entwickelt, um die Produkte entlang der Kommissionierstationen optimal zu verteilen und Packgeschwindigkeiten zu erreichen, die im Heimatland als branchenführend gelten. Routenplaner berechnen optimale Lieferstrecken für die Auslieferung von Bestellungen.

Malte Nousch
Malte NouschOda

Die ersten Oda-Boxen sollen im Januar aus dem südlichen Stadtrand nach Berlin gebracht werden. Zunächst ist eine Testphase in den Bezirken Treptow-Köpenick, Neukölln und Tempelhof-Schöneberg sowie Teilen von Friedrichshain-Kreuzberg und Lichtenberg geplant, bevor spätestens Ende März das gesamte Stadtgebiet „zu Preisen auf Supermarkt-Niveau“ plus noch nicht festgelegter Liefergebühr bedient werden soll. 30 Transporter sind bestellt. Sie können jeweils 30 Haushalte beliefern. Bis Ende kommenden Jahres soll die Flotte auf wenigstens 100 Fahrzeuge wachsen.

Langfristig verspricht Oda 800 Jobs. 500 Mitarbeiter werden im Lager benötigt, 300 Fahrer sollen eingestellt werden. Dabei geht es stets um unbefristete Vollzeitstellen mit Stundenlöhnen, die mit 12,50 Euro im Lager und 14 Euro als Fahrer nicht weit vom Mindestlohnsatz entfernt sind. Zur erklärten Muster-Effizienz tragen also offenbar auch die Personalkosten bei.