Die Bergmannstraße ist vollgeparkt, voll befahren und voller Konflikte der Verkehrsteilnehmer und Fußgänger. Das soll sich ändern.
Foto: Markus Wächter  

BerlinBuchhändler Lutz Stolze will schon die ganze Zeit eine rauchen. Die junge Frau, die eben nach einem Beziehungsratgeber zu dem Thema, wie Paare es gemeinsam aus der Krise schaffen, gefragt hat, vertröstet er. Das Buch sei zurzeit nicht bestellbar. Die Frage nach dem Zustand seines Kiezes möchte er am liebsten gar nicht beantworten. Diese Krise sei unlösbar.

Buchhändler Lutz Stolze nervt das Gewese um den Bergmannkiez. 
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Stolze, Chef der Kommedia Buchhandlung am Marheinekeplatz, ist jahrelang einer der lautesten Aktivisten gegen die Pläne des Bezirksamts gewesen, die Bergmannstraße vom Verkehr zu beruhigen. Am meisten regt ihn der Begriff „Begegnungszone“ auf: „Die haben wir doch längst, hier treffen unterschiedlichste Menschen aufeinander“, stöhnt er darüber, was dafür in den vergangenen Jahren alles getan worden sei.

Plötzlich waren am Straßenrand gelbe Parklets, die Parkplätze raubten und kurz darauf Findlingen weichen mussten. Dann gab es noch grellgrüne, auf die Kreuzungen geklebte Punkte, um Autofahrer zu bremsen. Viel Energie sei dafür unnötig verschleudert worden. Und horrende Summen, bezahlt vom Steuerzahler. Lange im Fokus der wütenden Bürger: Grünen-Baustadtrat Florian Schmidt, der schalte und walte, wie er wolle, so der Vorwurf. Doch ob mit oder ohne Schmidt: Der Streit gärt weiter.

Der Buchhändler: „Natürlich möchte ich auch nicht, dass hier so viele Autos fahren. Das versteht sich von selbst. Doch hier wird seit Jahren Unfug betrieben, ständig werden neue Testballons gestartet. Gebracht hat es nichts – nur dass sich viele zerstritten haben und einige sogar unversöhnlich verfeindet sind. Ich konzentriere mich jetzt darauf, wie mein Laden Corona überlebt, und dann gibt es ja auch noch diesen Trump.“ Im Raum steht neue Kundschaft. Er steckt die Zigarette wieder weg.

Romi Lubert, 28: „Seitdem ich Mutter bin, merke ich erst, wie hektisch und laut es hier ist.“
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Im kommenden Jahr soll die Bergmannstraße in Friedrichshain-Kreuzberg auf 500 Metern für Autos und Motorräder gesperrt werden. Stattdessen soll es breitere Radwege, Wiesen, Büsche, einen Wasserlauf für ein besseres Klima und einen Lebensraum für Insekten geben. 

Ein paar Meter die Bergmannstraße runter sitzt Stadtplaner Ümit Bayam in den Räumen seines Vereins Stadtteilausschuss Kreuzberg. Der Verein sieht sich als Stimme für die Pläne des Bezirksamts, die Mitarbeiter wollen vermitteln und die Projekte erklären.

„Der Bergmannkiez wird unser Modellprojekt der Zukunft“

Der Raum, in dem Bayam sitzt, hat hohe Fenster, alle, die vorbeigehen, sehen ihn, wie er am Computer arbeitet oder telefoniert. „Zurzeit bekomme ich bis zu neun Anrufe am Tag. Immer geht es um die autofreie Bergmannstraße.“ Er hat extra Kopien der Umbaupläne gemacht, sie hängen draußen am Fenster und zeigen die breiteren Radwege, den Wasserlauf, der den Kiez im Hochsommer ein wenig abkühlen soll. Jenen Plan, den Bezirksbürgermeisterin Monika Herrmann (Grüne) jüngst lobte: „Der Bergmannkiez wird unser Modellprojekt für den Kiez der Zukunft. Hier werden wir in den nächsten Jahren sehen, wie wir in der Innenstadt besser miteinander leben können: mit weniger Durchgangsverkehr, mehr Grün und einer klimafreundlich gestalteten Fußgängerzone.“

Er seufzt: „Ich habe das noch nie erlebt. Ich finde, dass ein sehr umfangreicher Bürgerbeteiligungsprozess stattgefunden hat, alle Anwohner hatten die Wahl, ihre Stimme zu erheben.“ Trotzdem gebe es immer Streit. Bei Versammlungen zur Zukunft des Bergmannkiezes kam es sogar zu Tumulten.

Stadtplaner Ümit Bayam vom Stadtteilausschus Kreuzberg befürwortet die Maßnahmen.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

„Viele wollen halt, dass alles so bleibt, wie es ist. Dabei schafft man mit einer autofreien Strecke doch eine höhere Qualität, damit sich die Menschen dort aufhalten wollen.“ Man schaffe eben eine Begegnungszone, indem man den Durchgangsverkehr aus dem Kiez heraushalte. Vor der Tür rast gerade ein SUV die Straße runter. 20 Stundenkilometer dürfte er nur fahren. Es sind deutlich mehr.

Eine junge Frau bahnt sich mit ihrem Kind den Weg. Romi Lubert, 28, wohnt in der Bergmannstraße, ihr Sohn Luca ist 18 Monate alt. „Seitdem ich Mutter bin, merke ich erst, wie hektisch und laut es hier ist. Ich finde es super, wenn wenigstens ein Teil der Straße autofrei wird. Man wechselt im Moment selten angstfrei auf den gegenüberliegenden Gehsteig, weil es sehr unübersichtlich ist und viele rasen.“

Dass das Bezirksamt die Straße ab 2021 auf dem Abschnitt zwischen Nostitzstraße und Schleiermacherstraße autofrei machen möchte, findet sie gut. „Es entzerrt vielleicht einiges.“ Sie ärgern am meisten die Autofahrer, die in der zweiten Reihe parkten. „Dann ist alles zugestellt.“ Vor allem Lkw, die die Läden beliefern, parken oft in zweiter Reihe. Morgens kennen die Anwohner kaum noch ein anderes Bild von ihrem Kiez. Es sei denn, es ist Sonntag.

Es gibt viele Zustimmungen. Friederike Pauly-Kurz arbeitet in der Boutique Bananas. Sie sagt: „Ich wundere mich, dass, seit ich hier bin, noch nichts Schlimmeres passiert ist, so wie hier manche rasen.“ Seit einem Jahr ist sie fest angestellt in dem Laden und freut sich auf die Zeit ohne Autos. „Unsere Gehsteige sind recht schmal und die Straße meist verstopft. Es ist doch schön, wenn die Bergmannstraße eine Flaniermeile wird, wir haben hier originelle Läden und tolle Restaurants. Ohne Verkehr wird es ruhiger, familienfreundlicher und sicherer.“ Sie erhofft sich eine „Einkaufsoase mitten in der Stadt“ und sagt: „Davon profitieren doch auch die Restaurants, wenn die Menschen im Sommer in Ruhe draußen sitzen können – ohne Autolärm und Abgase.“

Jovan Davcik befürchtet, dass die Kunden wegbleiben.
Foto: Berliner Zeitung/Markus Wächter

Doch hilft ein Stück grüner Kiez in einer Straße, die abends oft zur Partymeile wird und tagsüber zum Shoppen und Essen besucht wird? Die Marheineke-Markthalle ist einer der Anziehungspunkte, aber auch die japanischen, türkischen und mexikanischen Restaurants. Ein Stück Kreuzberg, das Touristen anzieht. Ein Kiez, nicht so hip wie Mitte, aber urig und nett.

Wem gehört die Stadt? Fußgängern, Radfahrern oder Autofahrern?

Jovan Davcik betreibt hier seit mehr als 30 Jahren eine Reinigung. Er ist Gegner einer autofreien Zone. Ihm entschlüpft das S-Wort. „Glauben Sie, Geschäftskunden fahren mit der Bahn vor? Die kommen mit dem Wagen, parken kurz und rennen zu uns rein. So geht das. Oder meinen Sie, die kurven hier demnächst fünf Stunden um den Block, nur um ein Hemd abzugeben?“

Der 56-Jährige steht kampfeslustig zwischen Kleiderbügeln und Bügelbrettern. In der Maschine wird schmutzige Wäsche gewaschen. Davcik wäscht sie vor uns: „Corona hat uns arg gebeutelt, die Fußgängerzone wird noch einen draufsetzen. Ewig gab es diese Probeläufe. Und jetzt sollen auch noch die Autos verschwinden.“ Er selbst kommt jeden Morgen mit dem Wagen, dafür zahle er fast 400 Euro für zwei Jahre Parkraumbewirtschaftung. Er ist sich sicher: „Vor der Bundestagswahl kommt das eh nicht.“

Die Bergmannstraße ist belebt am Montagnachmittag, vor einem restaurierten Altbau spielt ein Mann Klarinette – „Somewhere over the Rainbow“. Im Restaurant Fräulein Nimmersatt serviert Renata Albera Maultaschen in Gorgonzolasoße und French Toast. Sie arbeitet seit fünf Jahren hier. „Und seitdem sucht die Straße nach einem neuen Anstrich.“

Sie mag den Kiez, die unterschiedlichsten Menschen, die Sprachen, die sie täglich hört, Englisch, Spanisch, Französisch. Sie mag das Restaurant, aber keine rigorosen Verbote. „Wir können doch nicht die Autofahrer vergraulen, viele kommen doch mit dem Wagen.“  Vor dem Restaurant hat Atilla Aydin gerade einen Parkplatz ergattert: „Natürlich überlegt man es sich zweimal, ob man überhaupt noch hier hinfährt, wenn die Straße dicht ist.“

Die Autofahrer ja. Aber sollen die nicht sowieso weniger werden? Kommen dann nicht vielleicht mehr Radfahrer, wenn sie nicht mehr den Autos ausweichen müssen? Wem gehört der Bergmannkiez? Den Anwohnern und Fußgängern, den Geschäftsleuten und Lieferanten, und wem gehört die Stadt der Zukunft? Will nun jeder Kiez in Berlin den Kampf zwischen Radfahrern, Fußgängern und Autofahrern einzeln ausfechten?

Ümit Bayam sitzt nach wie vor in seinem Büro und seufzt ein zweites Mal. „Es gibt leider bei vielen immer noch die Vorstellung, dass Autofahrer Geld in den Kiez bringen.“ Daher habe es bei vielen Plänen, wie auch bei der Parkraumbewirtschaftung, erst einmal Widerstand gegeben. „Nachher waren viele froh, sie zu haben.“ Er ist Radfahrer, fuhr vor kurzem auf die autofreie Friedrichstraße. „Die zwei großen Bänke, die mal hier zur Verkehrsberuhigung aufgebaut waren, stehen jetzt dort in dem autofreien Abschnitt.“ Dort sei der Modellversuch doch erfolgreich gestartet worden. „Warum nicht auch bei uns?“