Protest am Flughafen Tegel.
Foto: Fabian Sommer/dpa

BerlinDie junge Frau mit dem Zopf trug ein lustiges Pinguin-Kostüm. Doch die Demonstrantin, die sich Lisa Kaiser nannte, und ihre Mitstreiter meinten es ernst. „Dies wird ganz sicher nicht die letzte Aktion dieser Art gewesen sein“, sagte die Berliner Sprecherin von „Am Boden bleiben“, einer Gruppe von Aktivisten, die sich dafür einsetzt, dass der Flugverkehr drastisch verringert wird. Am Sonntag machten sich mehrere hundert Klimaschützer per Rad und BVG auf, um im Flughafen Tegel gegen die Luftfahrtindustrie zu demonstrieren. Obwohl die meisten von der Polizei aufgehalten wurden und es nur knapp 50 ins Terminal A schafften, herrschte rund um den wichtigsten Flughafen Ostdeutschlands bis zum Nachmittag Chaos.

„Das ist doch Schwachsinn“, rief Eckart Weiß. Der Brandenburger aus dem Oderbruch, der von Tegel nach Georgien fliegen wollte, schaute skeptisch auf die Demonstranten, die sich zwischen dem Café Leysieffer und einem Krawattenshop auf dem Boden niedergelassen hatten.

Luftverkehr bleibt unbehelligt

„Von denen hat doch sicher noch nie jemand gearbeitet“, so Weiß. Und sicherlich seien sie meist mit dem Rad unterwegs. „Die Ideen dieser Leute treffen nur den kleinen Mann.“ Dagegen seien die meisten Pendler aus Brandenburg auf ihr privates Auto angewiesen, nach Georgien komme man von hier aus nicht per Bahn.

Tausende Fluggäste hatten an diesem Sonntagmittag einen längeren Spaziergang hinter sich, bevor sie die Terminals erreichten. Sie mussten mit ihrem Gepäck einige hundert Meter weit laufen. An der Zufahrt, kurz vorm Tunnel, hatten Polizisten einen Kontrollpunkt aufgebaut. Sie schauten in jedes Taxi und sahen sich auch die Insassen anderer Autos an. Die Linienbusse der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) wurden an der Haltestelle Luftfracht mit rotweißer Kelle gestoppt. Alle Fahrgäste mussten aussteigen und sich einer langen Warteschlange anschließen, um dann Polizisten zu erklären, was sie im Flughafen wollten.

Wer kein Flugticket oder einen Presseausweis vorweisen konnte, durfte nicht passieren.   „Wir wollen Verwandte abholen, aber die Polizei lässt uns nicht ’rein“, klagte ein Mann, der mit Frau und Kindern ratlos vor dem Kontrollpunkt stand. Ein Polizist bat die Fluggäste um Verständnis: „Wenn wir hier nicht kontrollieren würden, könnte keiner von ihnen heute von Tegel abfliegen.“

Den Polizeibeamten gelang es,   viele Aktivisten von „Am Boden bleiben“ aus dem Menschenstrom zu fischen – obwohl sich die Klimaschützer mit Rollkoffern oder Rucksäcken als Fluggäste getarnt hatten. Dem Fahrradkorso, der sich um kurz nach 9 Uhr am Platz der Luftbrücke in Tempelhof aufgemacht hatte, gelang es ebenfalls nicht, an der Polizei vorbeizukommen. Deren Großeinsatz wirkte sich weiträumig auf den Verkehr aus. Rund um den Flughafen Tegel gab es Stop-and-go und Stillstand, auf der Autobahn A111 standen die Kraftfahrzeuge bis zum Jakob-Kaiser-Platz an. Auch Taxis und Busse steckten im Stau fest.

„Wer den Flughafen tatsächlich im großen Stil blockiert, ist die Polizei Berlin“ – so fasste Georg Kurz, Bundessprecher der Grünen-Jugend, auf Twitter die Verkehrslage zusammen. Die Aktion von „Am Boden bleiben“ sei rein symbolisch, niemand werde am Fliegen gehindert. In der Tat: Der Luftverkehr in Tegel wurde nicht beeinträchtigt, bestätigte ein Flughafensprecher. Blockiert wurde allenfalls der Durchgang vor dem Kuchentresen von Leysieffer, den Polizisten immer wieder freiräumen mussten. „Mein Taxi brauchte fünf Minuten länger, sonst gab es keine Auswirkungen“, berichtete Kai Sauer, Fluggast aus Berlin.

„Borkum statt Bali“

„Unser Protest richtet sich nicht gegen einzelne Passagiere, sondern gegen die Flugindustrie, gegen klimaschädliche Subventionspolitik und gegen die unhinterfragte Normalität des Fliegens“, stand auf einem Flugblatt der Aktivisten. Es gehe nicht um einen moralischen Zeigefinger, sagte eine Frau im Pinguin-Kostüm. Doch sie stelle erfreut fest, dass Menschen, die sie kennt, nun seltener fliegen.

In den Urlaub fliegen, muss das sein? Das fragten die Demonstranten auf Plakaten und Flugblättern. „Oh wie schön ist Brandenburg“, war da zu lesen, oder „Borkum statt Bali“. Es wurde auch gesungen, etwa „Wehrt Euch, leistet Widerstand, gegen die Flughäfen hier im Land.“

Eines haben die Demonstranten am Sonntag auf jeden Fall erreicht: Das Terminal A wurde Schauplatz einer klimapolitischen Debatte. „Ich unterstütze den Protest, es gibt ein Recht zu demonstrieren“, meinte Kai Sauer. „Ich unterstütze die Demonstration. Mit dem Fliegen kann es so nicht weitergehen – sonst kommen  Millionen von Klimaflüchtlingen“, pflichtete Hauke Benner aus Kreuzberg bei.

Umweltdebatte in Terminal A

Der Berliner Linken-Abgeordnete Michael Efler  war als parlamentarischer Beobachter bei der Protestaktion dabei. „Ziel muss es sein, Inlandsflüge zu begrenzen“, sagte er. In seiner Fraktion wird über einen Antrag debattiert, wonach in der Verwaltung Dienstreisen per Flugzeug nicht mehr möglich sein sollen, wenn sich das Ziel auch in maximal vier Stunden mit der Bahn erreichen lässt.

„Meine Kinder schimpfen, dass ich zu viel fliege“, sagte Sylvia Wegener, unterwegs über Köln in die Schweiz. „Es stimmt, nach Zürich hätte ich auch den Zug nehmen können.“