Berlin - Das Große Ganze sehen, darum geht es Carola Rackete. Die 31-jährige Seenotretterin und Klimaaktivistin sprach gestern Abend im ausverkauften Kino Babylon am Rosa-Luxemburg Platz, wo der Dokumentarfilm „Seawatch 3“ von den NDR-Journalisten Nadia Kailouli und Jonas Schreijäg Premiere feierte.

Berühmt wurde sie im Juni diesen Jahres, als sie, Kapitänin des Flüchtlingsrettungsschiffes „Seawatch 3“, das Schiff mit 42 Migranten aus Afrika an Bord trotz Verbot in den Hafen Lampedusas steuerte. Es folgten Konflikte mit dem damaligen italienischen Innenminister Matteo Salvini, drei Tage Hausarrest und viel Medienaufmerksamkeit. Seit drei Monaten laufen Verfahren wegen Beihilfe zur illegalen Migration gegen sie.

Carola Rackete ist bei „Extinction Rebellion“ aktiv

Die letzten Wochen hatte sich Carola Rackete mehr dem Klimaschutz und der Bewegung „Extinction Rebellion“ zugewandt – der radikalere Arm der Klimabewegung “Fridays for Future”, der gewaltfreien zivilen Ungehorsam als Protestmethode nutzt. „Exctinction Rebellion“ planen ab Montag Demonstrationen und Straßenblockaden in Berlin. Carola Rackete wird dabei sein, in welcher Form ist noch unklar. Auch in anderen Städten sollen Aktionen stattfinden.

Vor etwas mehr als zwei Wochen stand Rackete während des Klimaprotests am Brandenburger Tor und sagte, wir Menschen seien für den Zusammenbruch der Ökosysteme verantwortlich. Nach “Seawatch 3” hatte sie sich an die französische Atlantikküste zurückgezogen, wo sie an einem Buch über eben diesen Zusammenbruch schrieb, es soll Anfang November erscheinen.

Das ewige Warten auf See

Im Babylon geht es aber um „Seawatch 3“. Kailouli und Schreijägs Film „Seawatch 3“ dokumentiert den Vorfall auf See mit eindrücklichen Bildern, die dem Zuschauer die Ausnahmesituation, in der sich das Schiff befand, noch einmal deutlich machen.

Die frustrierende Kommunikation mit dem Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte; mit den italienischen Behörden, der Guardia di Finanza, die regelmäßig zum Schiff kamen, jedoch nicht helfen konnten, weil sie von Salvini blockiert wurden; die humanitäre Notsituation der Migranten; die Traumata, die sie in Libyen erlebt haben. Und das ewige Warten, wochenlanges Warten auf See. Aber auch die Ruhe und Ausdauer der Kapitänin.

Carola Rackete spricht nicht gerne über sich

Als Carola Rackete nach der Premiere mit den beiden Regisseuren auf die Bühne kommt, steht der gesamte Saal auf. Standing ovations für die Frau, die Salvini die Stirn bot. Im Podiumsgespräch mit den Regisseuren und Journalisten Nadia Kailouli und Jonas Schreijäg geht es vorrangig um mögliche politische Lösungen, um den Stand der zivilen Seenotrettung in Europa. Man fühlt den Respekt, den die Menschen im Saal vor Rackete haben, die große Bewunderung. Sie aber spricht scheinbar nicht allzu gerne über sich.

Als man sie fragt, ob das Verfahren sie belaste, lenkt sie das Gespräch auf andere, für die es schwieriger ist als für sie, weil sie weniger Privilegien genießen. „Jetzt müssen wir halt abwarten, aber darin haben wir Übung“, sagt sie und lacht. Was man denn als Einzelperson machen könne, um was zu verändern, fragt eine Frau: „Massiven Druck auf das Bundesinnenministerium ausüben“, sagt Rackete, „das geht in Berlin gut.“