Berlin - Plötzlich war er da. Leise, fast zurückhaltend schlich sich am Montagmorgen der Schnellzug D301 aus Stockholm in den Berliner Hauptbahnhof – als wäre er nichts Besonderes. Doch ein Ereignis war es schon, wie das zusammengewürfelte Empfangskomitee aus Nachtzugaktivisten und der SPD-Europaabgeordneten Gabriele Bischoff an Gleis 3 deutlich machte. Dank des neuen privaten Nachtzugs hat Berlin nach mehrjähriger Pause wieder eine direkte Zugverbindung nach Skandinavien. „Wir haben das neue Angebot lange vorbereitet. Und wir hoffen, dass es wirtschaftlich ein Erfolg wird“, sagte Carl Adam Holmberg, Chef des schwedischen Zugbetreibers Snälltåget, der von Stockholm nach Berlin mitgereist ist. Doch dafür müssten weitere Voraussetzungen geschaffen werden, entgegnete Peter Cornelius vom Fahrgastverband Pro Bahn.

Nachdem der verspätete Intercity Express der Deutschen Bahn aus Oldenburg in Oldenburg das Gleis geräumt hatte, fuhr der neue Nachtzug pünktlich im Tiefgeschoss des Berliner Hauptbahnhofs ein. Pünktlich um 8.52 Uhr kamen die rote Elektrolok des Potsdamer Unternehmens WFL, die mit Aufklebern der dänischen, deutschen und schwedischen Flagge geschmückt war, sowie die fünf Wagen zum Stehen.

Rund 150 Fahrgäste bei der ersten Fahrt

Besonders gut gebucht wirkte der Zug nicht, doch der Eindruck trügt: „Ungefähr die Hälfte der Reisenden ist in Hamburg ausgestiegen“, so Snälltåget-Chef Holmberg, der in einem Liegewagenabteil von Stockholm nach Berlin gereist ist. Er zeigte sich mit der Buchungslage zufrieden: „Bei unserer ersten Fahrt hatten wir rund 150 Fahrgäste. Die weitere Nachfrage ist ebenfalls gut“ – und sie werde weiter zunehmen, weil coronabedingte Reisebeschränkungen gelockert worden seien. Klar sei: „Als privates Unternehmen bekommen wir keine Zuschüsse vom Staat“, so Holmberg. „Ich hätte mir gewünscht, dass die Deutsche Bahn auf dieser Strecke wieder aktiv wird“, sagte Gabriele Bischoff. Doch der neue Nachtzug sei ein gutes Angebot. „Nun muss man nicht mehr ins Flugzeug steigen, wenn man nach Skandinavien will.“

Damit das Angebot ökonomisch ein Erfolg wird, müsse sich aber noch einiges verbessern, mahnte Peter Cornelius von Pro Bahn. Wer sich beim Thema Nachtzug nicht auskennt, habe große Mühe, Informationen und Buchungsmöglichkeiten zu finden, bemängelte er. „Snälltåget braucht möglichst rasch eine deutsche Website.“

Berliner Zeitung/Markus Wächter
Aktivisten von „Back on track“ empfangen den ersten Zug an Gleis 3 im Berliner Hauptbahnhof.

Nachtzüge seien eine klimafreundliche Art zu reisen, so Katrin Kusche von „Bahn für alle“, die mit dem Transparent „Züge statt Flüge“ am Gleis stand. Allerdings sei es schwierig, an Fahrkarten zu gelangen. Wer den neuen Nachtzug bei www.bahn.de sucht, werde für Reisen ab Berlin aufgefordert, in Hamburg umzusteigen – obwohl der Zug in Berlin beginnt. „Buchungen sind auf dieser Website nicht möglich“, bemängelte Kusche. Ein Handicap sei zudem, dass keine Fahrräder mitgenommen werden. Kritik gibt es auch daran, dass Elektrorollstühle ebenfalls von der Beförderung ausgeschlossen sind. „Es ist ein Irrtum anzunehmen, Menschen im Rollstuhl hätten kein Interesse an Reisen in Zügen, nur weil manche Eisenbahnverkehrsunternehmen das nicht ermöglichen wollen“, erklärte Bernd Kittendorf, Schwerbehinderter und Rollstuhlfahrer.

Obwohl noch viel zu tun ist: Poul Kattler aus Dänemark, Nachtzugaktivist bei „Back on track“, freut sich über die neue Direktverbindung nach Berlin. Der 64-Jährige hat eine Dänemark-Flagge mitgebracht. „Ich habe gut geschlafen“, berichtete er. „Der Lokführer hat sich bemüht, sanft zu fahren und zu bremsen.“ Als Kind ist der Däne mit seinen Eltern im Liegewagen in den Urlaub gefahren, als Erwachsener war er häufig mit Nachtzügen unterwegs, nach Basel, Amsterdam, Prag, Berlin. Als die Deutsche Bahn 2014 die letzte Nachtverbindung nach Kopenhagen einstellte, hat sich Kattler geärgert – und wurde aktiv. „Das wollte ich nicht hinnehmen“, sagte er. Auch der letzte Zug fiel nicht etwa deshalb weg, weil zu wenige Menschen mitfuhren: „Er war immer gut gebucht.“ Doch die Kosten waren hoch, wozu die dänische Staatsbahn DSB beitrug, und die Regierungen waren desinteressiert. Poul Kattler findet es gut, dass im Sommer 2022 eine weitere Nachtzugverbindung in Betrieb gehen soll: von Malmö nach Köln und Brüssel.

Die Deutsche Bahn hatte die Nachtzugverbindung zwischen Berlin und Kopenhagen Ende 2014 gestrichen. Seit Ende 2015 gibt es zwischen der deutschen und dänischen Hauptstadt auch tagsüber keinen Direktzug mehr. Die Zugverbindung zwischen Berlin und Stockholm lebte 2019 kurzzeitig wieder auf – dank des schwedischen Betreibers Snälltåget, der 2011 den Betrieb des Nachtzugs Berlin–Malmö übernommen hatte. Doch inzwischen ist diese Verbindung, die zwischen Sassnitz und Trelleborg die inzwischen eingestellte Eisenbahn-Fährverbindung nutzte, ebenfalls Vergangenheit.

Der neue Zug nach Norden, der einen Umweg über die Storebælt- und Øresund-Brücke in Dänemark nimmt, soll bis 5. September täglich fahren. Danach, so ist es geplant, verkehrt der D300 bis zum 2. Oktober mittwochs bis sonntags und bis zum 7. November mittwochs sowie freitags bis sonntags. Die Abfahrt in Berlin ist gegen 19 Uhr geplant. Høje Taastrup bei Kopenhagen wird laut Fahrplan um 6.38 Uhr erreicht, Malmö um 7.40 Uhr und Stockholm um 14.20 Uhr. Dort soll die Rückfahrt um 16.20 Uhr beginnen, mit einer Ankunft in Berlin um 8.52 Uhr. Betreiber Snälltåget ist Teil der Transdev-Gruppe, die wiederum der französischen Caisse des Dépôts und der deutschen Rethmann-Gruppe gehört.

Ab 49 Euro im neuen Nachtzug nach Norden

In dem neuen privaten Nachtzug nach Dänemark und Schweden können beim Betreiber Sitzplätze (ab 49 Euro), Liegesessel (ab 74 Euro) sowie komplette Abteile im Liegewagen (ab 295 Euro für insgesamt bis zu sechs Personen) gebucht werden. Allerdings können die tatsächlichen Preise deutlich höher liegen. „Aus Hygieneschutz- und Abstandsgründen werden derzeit komplette Privatabteile nur an Einzelpersonen oder Gruppen verkauft. In den Sitzwagen wird bei der Buchung ebenfalls auf genug Abstand zu anderen Reisenden geachtet“, teilte Transdev mit. Beim Kauf eines Tickets gibt es einen Rabatt von 50 Prozent für Mitreisende, hieß es. Schlafwagen seien im jetzigen Konzept nicht vorgesehen, sagte Snälltåget-Chef Holmberg am Montag. Zwischen Malmö und Stockholm wird ein Speisewagen mitgeführt, ansonsten werden Snacks und Getränke in einem Dienstabteil verkauft. Fahrräder werden nicht befördert, Wlan soll es ab Herbst 2021 geben. Laut Betreiber fahren die Loks mit grünem Strom.

Snälltaget
So sollen die Liegewagenabteile im neuen Nachtzug Berlin–Stockholm aussehen. Wegen Corona können die Abteile vorerst nur komplett gebucht werden – für eine Person bis sechs Personen. Preis: ab 295 Euro pro Weg.

„Die neue Nachtzugverbindung von Berlin über Hamburg und Kopenhagen ist Bestandteil des Netzes für den Trans-Europa-Express 2.0. Ich begrüße die Initiative der Transdev-Gruppe sehr, denn damit der TEE 2.0 ein Erfolg wird, können und sollen sich alle Eisenbahnunternehmen beteiligen“, sagte Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU), der den Zug am Montagabend bei seiner Rückfahrt vom Bahnhof Gesundbrunnen verabschieden wollte. „Im europäischen Jahr der Schiene 2021 ist der privat betriebene Snälltåget ein wichtiges Signal. Ich wünsche den Betreibern des Zuges viel Erfolg und hoffe, dass sich diese wichtige europäische Verbindung langfristig etabliert und vielen Menschen Lust macht, den Zug zu nehmen.“

Künftig auch von Berlin nach Slowenien und Kroatien

Eine gut frequentierte (und deshalb oft nicht preiswerte) Nachtverbindung bieten die Österreichischen Bundesbahnen zwischen Berlin, dem Südwesten Deutschlands und der Schweiz an. Ein Nightjet verbindet Berlin täglich mit Basel und Zürich. Unterwegs hält er unter anderem im badischen Offenburg sowie in Freiburg/Breisgau. Die ÖBB übernahm die Verbindung Ende 2016, als sich die Deutsche Bahn in ihrem gesamten Netz aus dem Betrieb von Schlaf- und Liegewagen zurückzog.

Schlaf-, Liege- und Sitzwagen führt auch ein weiterer Nachtzug mit, der täglich am frühen Abend im Berliner Hauptbahnhof abfährt. Er spaltet sich unterwegs in drei Teile auf: nach Wien, Budapest und Przemyśl, in Polen an der Grenze zur Ukraine gelegen. Diese Route gibt es seit Ende 2018 – ebenfalls mit längeren coronabedingten Pausen, die nun aber ebenfalls zu Ende sind. Auch in diesem Zug ist keine Radmitnahme möglich.

Bis Frühjahr 2020, als der erste Corona-Lockdown verhängt wurde, konnte man an einzelnen Wochentagen in Schlafwagen der russischen Staatsbahn RZD nach Paris und Moskau reisen. Es waren die einzigen Direktverbindungen von Berlin in diese Städte. Laut Homepage des Unternehmens werden sie allerdings weiterhin  nicht angeboten.

Dafür sind neue Nachtzugverbindungen in den Süden in Sicht. Der tschechische Zugbetreiber RegioJet hat der zuständigen Behörde in seinem Land angezeigt, dass er vom Fahrplanwechsel im Dezember 2022 eine Route nach Slowenien und Kroatien in Betrieb nehmen möchte. So soll Zug 1071 um 18.43 Uhr am Berliner Hauptbahnhof starten und über Wien sowie Graz in den Süden fahren. Die Ankunft in Ljubljana ist für 9.20 Uhr, in Zagreb für 9.30 Uhr vorgesehen. Vorgesehen ist, dass der Zug unter anderem Schlaf- und Liegewagen umfasst. In dem Fahrplanentwurf, der im Internet zu lesen ist, steht auch ein Fahrradsymbol – was offenbar heißt, dass der Zug Fahrräder befördert. Es soll auch durchlaufende Wagen in die ungarische Hauptstadt Budapest geben, hieß es.

Bereits im Frühjahr 2022 sollen private Nachtzüge in die Niederlande und Belgien den Betrieb aufnehmen. Der neue niederländische Betreiber European Sleeper und das belgische Unternehmen Moonlight Express wollen vom kommenden April an eine direkte Verbindung von Brüssel über Antwerpen, Rotterdam und Amsterdam nach Berlin, Dresden und Prag anbieten. Fahrräder werden befördert. Zunächst soll es drei Mal pro Woche und Richtung eine Fahrt geben.