Sie sind seit Wochen unterwegs, sind in Bonn gestartet und laufen zur UN-Klimakonferenz nach Katowice in Polen. Ihre 1700 Kilometer lange Wanderung bezeichnen sie als ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit. Gerade ziehen sie durch Brandenburg. Ein Gespräch mit Christian Seidel aus Potsdam.

Herr Seidel, der wievielte Tag Ihrer Pilgerschaft ist gerade?

Die gesamte Pilgerschaft begann am 9. September in Bonn, ich bin am 19. September in Hagen-Westfalen dazu gekommen. Am 25. November wollen wir in Berlin sein und am 7. Dezember in Katowice. Dort treffen sich dann die drei großen Klimapilgerzüge durch Europa.

Wo sind Sie heute aufgebrochen?

In Spremberg, unserer ersten Brandenburg-Station. Ich muss mit dem Begleitfahrzeug zur Talsperre Spremberg und dort alles für die Rast der anderen Pilgerer vorbereiten.

Wie viele Pilger sind unterwegs?

Es gibt eine Gruppe, die wir Dauerpilgerer nennen, die möglichst die gesamte Strecke laufen will. Drei sind von Anfang an dabei, andere müssten zwischendurch arbeiten, einige sind seit vier Wochen dabei, andere laufen einen Tag lang mit oder ein paar Stunden. Jeden Tag gibt es eine feste Kerngruppe von etwa 15 Leuten. Die größte Gruppe bestand bislang aus 150 Pilgern.

Sind das alles Christen?

Überwiegend, aber wir freuen uns auch über nicht kirchliche Menschen oder Gruppen, die sich mit uns für Klimaschutz engagieren.

Wer hatte die Idee?

2015 gab den ersten ökumenischen Pilgerweg für Klimagerechtigkeit von Flensburg zur Klimakonferenz nach Paris. 2017 folgte Eisenach– Bonn. Und nun also Bonn zur Klimakonferenz in Katowice.

Wie viele Blasen hatten Sie bereits?

Nur eine. Gleich am ersten Tag.

Haben Sie Pilgererfahrung?

Ich bin kein Pilgerer, sondern kam übers politische Engagement dazu. Für mich ist es eine einmalige Verbindung von politischen Forderungen und Spiritualität.

Was ist Ihr politisches Ziel?

Klimagerechtigkeit hat für uns drei Hauptziele: Zuerst die Generationengerechtigkeit oder „Enkelgerechtigkeit“, gemeint ist, dass wir an vielen Stellen auf Kosten der nächsten Generationen leben. Als Zweites geht es um soziale Gerechtigkeit: Wir fordern den schnellen Ausstieg aus der Verstromung von Kohle und allen anderen fossilen Energieträgern. Gleichzeitig fordern wir die aktive Strukturtransformation in den betroffenen Kohleregionen, damit es dort weiterhin Arbeit gibt. Der dritte Aspekt ist die globale Gerechtigkeit: Der Wohlstand auf der Nordhalbkugel basiert auf der industriellen Revolution des 19. Jahrhunderts. Seither pumpen wir klimaschädliche Gase in die Atmosphäre und tragen die Hauptschuld dafür, dass weltweit das Klima aus dem Takt gerät.

Ihre konkreten Forderungen?

Ganz einfach: In Katowice soll es verbindliche Regeln zur Umsetzung des Pariser Vertrages geben. Denn seit drei Jahren ist da wenig passiert. Auch nicht in der Bundesrepublik.

Was steht bei Ihnen heute an?

Am Abend sind wir in Cottbus, der Hauptstadt des Lausitzer Kohlereviers. Dort ist morgen – so wie alle sieben bis zehn Tage – ein Aktionstag. Es gibt also Podiumsdiskussionen und ein Gespräch mit Betriebsräten aus den Tagebauen.

Wo schlafen Sie?

Meist in kirchlichen Gemeindehäusern, in Sporthallen oder bei Privatleuten. Das ist ja das Überraschende beim Pilgern. Morgens gehen wir los und wissen nicht, wo wir schlafen werden. Wir wissen nur, dass wir gut schlafen werden.

Wie lange werden Sie dabei sein?

Mein Ziel ist natürlich Katowice, in Berlin entscheide ich, was meine Füße und mein Körper dazu sagen.

Macht Klimapilgern glücklich?

Wir laufen als Erste durch alle vier deutschen Kohlereviere und sehen, dass der Riss pro und kontra Kohle quer durch die Orte oder Familien geht. Das ist mitunter deprimierend und macht nicht glücklich. Aber es geht um unser aller Zukunft – und wir sehen auch viel Hoffnungsvolles.