Die Idee der Letzten Generation hat sich längst überlebt

Seit einem Jahr gibt es die radikale Splittergruppe der Klimaaktivisten. Ihr Ansatz hat auch viele verschreckt, die für mehr Klimapolitik waren. Ein Kommentar.

Zwei Frauen blockieren eine Modeschau im Rahmen der Berlin Fashion Week im Hotel Adlon Kempinski.
Zwei Frauen blockieren eine Modeschau im Rahmen der Berlin Fashion Week im Hotel Adlon Kempinski.Eventpress/imago

Die Letzte Generation ist tot. Es soll nicht zynisch klingen, weil hier etwas für tot erklärt wird, das als Organisation noch höchst lebendig ist. Mit tot sind auch nicht die meist jungen Leute gemeint, die davon überzeugt sind, dass die Menschheit sehr bald an den Folgen des Klimawandels untergehen wird, wenn nicht in den nächsten zwei Jahren die Gesellschaft komplett umgebaut wird.

Mit tot ist die Idee der Letzten Generation gemeint, die sich nach einem Jahr Daueraktionismus ziemlich totgelaufen hat. Eigentlich schade. Ihre Idee: Wir kleben uns immer wieder auf die Hauptverkehrsadern großer Städte, sorgen mit friedlichem Protest für ein Innehalten im Alltag eines westlichen Wohlstandslandes, das vor allem von Benzin, Öl und Kohle angetrieben wird. Die Staus machen den Leuten in den Autos das Ausmaß der Klimakatastrophe bewusst – und sie denken um, verschrotten ihre Autos, gehen zu Demos oder in Parteien, bilden Bürgerräte, entmachten die industriefreundliche Regierung, krempeln das Land radikalökologisch um und werden zu Vorbildern für andere Länder.

So sah der Traum aus. Die Realität ist anders. Krieg, extreme Preissteigerungen für Energie, Renaissance der Atomkraft, ein Boom für das besonders schmutzige Flüssiggas und auch noch Kohlebagger vor Lützerath. Deutschland steht ökologisch kaum besser da als am 24. Januar 2022, als sich 24 Aktivisten erstmals auf eine Straße klebten.

Der Klimawandel ist Realität, aber es wird nicht debattiert, wie sich die Gesellschaft ganz konkret auf dessen Folgen einstellen könnte, sondern es wird oft so getan, als könnte der Klimawandel doch noch in letzter Sekunde verhindert werden – und dann wird alles wieder gut.

Nur 0,001 Prozent der Bevölkerung hat sich an den Aktionen beteiligt

Die Letzte Generation ist eine kleine Minderheit von bislang 800 Teilnehmern. Damit hat sich bisher 0,001 Prozent der Bevölkerung an Aktionen beteiligt. Die Wut und der Ärger sind nachvollziehbar, aber die Letzte Generation hat das Problem, dass es eine radikale Bewegung ist. Und Radikale sind nur selten mehrheitsfähig. Laut Umfrage nicht mal bei Jugendlichen.

Manche Menschen, die in der DDR sozialisiert wurden, erinnert das Ganze ein wenig an eine „Avantgarde“, wie einst bei den leninistischen Parteien neuen Typs, die auch glaubten, besser zu wissen, was nötig ist, und die die unwissenden Massen zu ihrem Glück zwingen wollten.

Der große Vorteil der Letzten Generation ist, dass sie bei ihrem Traum von einer ökologischen Revolution allein auf friedlichen Widerstand setzt. Doch der Protest wendet sich nicht an diejenigen, die in der Politik oder der Wirtschaft die Entscheidungshoheit haben. Hätten sich die Klimakleber immer rund um die Schaltzentralen der Macht geklebt, hätten sie viele Sympathien gewonnen. Da sie aber das Volk morgens auf dem Weg zur Arbeit blockieren, ist es nicht verwunderlich, dass das Volk sie nicht hofiert. Und wer sich an Kunstwerke klebt, sorgt vor allem für Schlagzeilen, selten für positive.

Das ist ein Grund, warum diese Protestform langsam lieber ignoriert werden sollte: Auf ihrer Internetseite zählt die Bewegung für den 20. Januar 27 Medienberichte auf. Immer geht es um die Aktionen an sich und fast nie ums Klima. Und wer auf journalistischer Seite seit Jahren über die Herausforderungen des Klimawandels berichtet, ärgert sich darüber, dass in vielen Medien darüber inzwischen viel weniger berichtet wird, weil der Platz derzeit genutzt wird, um über die Aktionen der Klimakleber oder ihre Gerichtsprozesse zu berichten. Das aber hilft dem Klima wenig.

Die Aktionen sind auch kontraproduktiv, da auch massenhaft Menschen im Stau stehen, die längst begriffen haben, dass etwas getan werden muss. Doch die sind von den Dauerstaus so verärgert, dass sie gar nicht mehr zuhören, wenn übers Klima gesprochen wird. Die Letzte Generation in der breiten öffentlichen Wahrnehmung nie über den ersten Schritt des Wachrüttelns hinausgekommen ist.

Letzte Generation: Totgesagte leben länger

Natürlich leben Totgesagte länger, und die Letzte Generation will ihre Aktionen nun von den Großstädten in die Dörfer tragen, also dorthin, wo ein Leben ohne Autos schwer umsetzbar ist. Das kann kontraproduktiv werden, denn ihr bleiben nur noch zwei Jahre. Und die Radikalisierung des Protestes – egal, ob in Lützerath oder bei den Klimaklebern – könnte die grüne Mainstreambewegung kurzfristig auch schwächen.

Mit Folgen für die Berliner Wahlwiederholung im Februar. Da könnten dann kleinere radikalere Parteien profitieren. Aber das hilft wenig bei der Idee des Umsteuerns der Gesellschaft, denn die Kleinstparteien werden sicher nicht den Senat übernehmen.