Berlin - Am kommenden Freitag werden vermutlich tausende Berliner auf die Straße gehen, nachdem Friday for Future zu einem Klimastreik aufgerufen hat. So weit, so gut - möchte man meinen. Denn aus der Gruppendynamik, die sich in den letzten Wochen rund um das Thema Klimaschutz entwickelt hat, ist mittlerweile ein Zwang geworden, der mir Bauchschmerzen bereitet. Und sich höchst ungesund anfühlt.

So fragte der elfjährige Sohn eines Freundes seine Lehrerin kürzlich, ob man an dem Klimastreik eigentlich teilnehmen müsse. Denn der Junge hat am kommenden Freitag Klavierunterricht und möchte eigentlich lieber dort hingehen.

Moralisch unter Druck gesetzt

Hier beginnt der verstörende Teil der Geschichte. Denn obwohl es den Kindern offiziell freigestellt wird, ob sie klimastreiken möchten oder nicht, führte die Frau den Elfjährigen vor versammelter Mannschaft, sprich seiner Schulkasse, vor.

Und sagte ihm ins Gesicht: „Wenn Dir Deine Zukunft egal ist, dann brauchst Du natürlich nicht hinzugehen“. Dann fügte sie bedeutungsschwanger hinzu: „Mir ist meine Zukunft jedenfalls nicht egal“. Ganz ehrlich - geht's noch? Was erlaubt sich diese Lehrerin, einen Jungen moralisch derart unter Druck zu setzen? Und ihm vor versammelter Klassengemeinschaft sinngemäß zu drohen: Mach mit beim Klimastreik, oder Du bist ein Außenseiter! 

Zu meiner Schulzeit vor rund 30 Jahren in Bayern stand das Buch „Die Welle“ auf dem Lehrplan. Man wollte uns damit klarmachen, was passieren kann, wenn sich eine Bewegung - und seien die Absichten dahinter noch so edel oder auch nur harmlos - verselbstständigt. Gegen Ende des Buches werden Schüler, die bei der als Experiment gestarteten Schaffung eines Gemeinschaftsgefühls nicht mitziehen wollen, gehänselt, gemobbt und schließlich sogar zusammengeschlagen. 

Diktieren, wie eine Gesellschaft aussieht

Da die Lehrerin, über die ich schreibe, ebenfalls aus West-Deutschland stammt, müsste sie das Buch eigentlich auch gelesen haben. Verstanden hat sie es offenbar nicht.
Leider ist sie auch nicht der einzige Mensch, der nicht begreift, dass diktatorische Anwandlungen einfach falsch sind. Das wurde spätestens vergangene Woche bei einem Konzert von Herbert Grönemeyer klar, als der Sänger erklärte, unter gewissen Umständen liege es „an uns, zu diktieren, wie 'ne Gesellschaft auszusehen hat“.

Zehntausende Menschen applaudierten in völliger Ekstase. Und wieder waren das vor allem Menschen, die nach 1945 im westlich geprägten Teil Europas aufwuchsen.

Wie in der DDR

Es drängt sich die Vermutung auf, dass die ausufernde Klimaschutz-über-Alles-Bewegung, die zunehmend intoleranter und aggressiver auftritt, tatsächlich eine vor allem in westlich geprägten Köpfen entstandene Ideologie ist. Zumindest der aus Ostdeutschland stammende Vater des Jungen, um den es hier geht, hat von derlei „freiwilligem Zwang“, wie er es ausdrückt, die Nase voll. Und sagte mir in einer Mischung aus Unbehagen und Verachtung zu dem moralischen Druck, der hier von einer Lehrerin aufgebaut wurde: „Das ist wie früher. Das ist genau wie in der DDR“.