Oma Anthoula, 72, macht keinen Hehl daraus, dass die Arbeit unter den Olivenbäumen für ihren Geschmack zu langsam vorangeht. Jeder Tag bei der Ernte zählt, jeder Regentag fordert zudem eine Zwangspause. Ihr Enkel Amadeus, der in Berlin groß wurde und hier in der Region die Ferien seiner Kindheit verleben durfte, muss nicht übersetzen, damit die Botschaft bei uns ankommt. Wir plaudern zu viel, wir waren nicht sofort bei Sonnenaufgang im Hain bei den Bäumen, und wir genießen die Mittagszeit zu sehr, wenn man verschwitzt zwischen den Bäumen auf Säcken voller Oliven sitzt und griechisches Lamm mit Reis isst. An unserem letzten Arbeitstag wird aber auch Anthoula lächeln, versöhnlich darüber sprechen, wie schön es ist, mit so vielen jungen Deutschen zu arbeiten und sagen: „Die Bäume und das Olivenöl sind heilig.“

Kalamata-Oliven sind das Gold Griechenlands

In Griechenland muss man nur einen Olivenbaum berühren und beamt sich so direkt zurück in alte Zeiten. Die meisten der Bäume auf dem Olivenhain sind 250 Jahre alt, ein gutes Alter für die Ernte. Hier in Messenien stehen aber auch Olivenbäume von 1000 Jahren und mehr. Jeden Augenblick glaubt man die kriegerische Streitmacht Spartas über die Bergkette gegenüber herunterziehen zu sehen. Nur wenige Kilometer ist der einstige Hauptsitz Spartas und seiner martialischen Elitesoldaten entfernt. Vor dieser Bergkette wachsen rund eine Million Olivenbäume, sie produzieren die schwärzesten Oliven der Welt, die Kalamata-Oliven, genannt: das Gold Griechenlands.

In der Erntezeit erinnert nur Amadeus Tzamouranis an antike Zeiten. Wie ein Krieger Spartas steht dieser Zweimetermann mit freiem Oberkörper in der Sonne Messeniens, festgekeilt in der Krone der Bäume, und lässt die Maschinensäge über dem Kopf kreisen. Er befreit die Bäume von überflüssigen Ästen, während wir die Oliven abschütteln. Maschinen können hier nicht eingesetzt werden, die Ernte ist bio-zertifiziert nach strengen Auflagen. Auf anderen Feldern sind es vor allem Albaner, die diese Knochenarbeit verrichten.

An langen Stangen ist vorne eine Harke aufgesetzt, die Arbeiter holen damit weit aus und schlagen dann gegen die Äste. Die Oliven prasseln auf den Boden, direkt auf die Netze. Dann werden Äste und Oliven auf den Netzen noch einmal sortiert, in große Säcke verpackt und abends mit dem Traktor in die Ölmühle von Ilias Stavropoulos gefahren. Im nahe gelegenen Dorf Andania steht das Presswerk, von überall kommen die Bauern, laden ihre Säcke ab, nur kurze Zeit später sehen sie das Ergebnis ihrer Arbeit als dickflüssige, warme, grüne Brühe in große Kübel fließen.

Zunächst belächelt, später respektiert

Schon als Kind hat Amadeus diese Welt fasziniert. Als Erwachsener saß er irgendwann mit Marc Schmidt, einem Freund aus Schultagen, beim Bier in Berlin, erzählte ihm von seiner zweiten Heimat. Schnell war klar, dass die Jobberei in den Berliner Nachtbars nicht das Ende ihrer beruflichen Ziele sein kann. Sie kauften in der Nähe von Kalamata einen Hain mit 350 Bäumen, inzwischen sind weitere als Pacht dazugekommen. Zunächst hat man die beiden jungen Deutschen belächelt. Inzwischen wird Amadeus als engagierter Arbeiter respektiert; Marc ist die treibende Kraft, um mit neuen Ideen die Brücke nach Berlin auszubauen.

Aus einer verrückten Idee wurde Wirklichkeit

Auf der Straße von Andania nach Kalamata liegt die Distillerie Callicounis. Seit der vorletzten Jahrhundertwende werden hier Schnäpse und Liköre produziert. Der Gründervater nahm schon 1900 an der Weltausstellung in Paris teil und gewann eine Goldmedaille für seine Produkte. In vierter Generation führt nun Jiorgos Callicounis die Firma, alles bleibt in Familienhand, der Sohn wird bald als Chemiker einsteigen, die Lagerräume in Holz und die getäfelten Präsentationsräume wurden von Jiorgos’ Tochter gestaltet, einer Architektin. Auf der Fahrt zu ihrem Hain sahen die Berliner die Distillerie, hielten an und schlugen Jiorgos vor, seinen Gin mit ihrem Olivenöl zu mischen, um neue Aromen zu kreieren. „Eine verrückte Idee“, lacht Jiorgos, „aber ich vertraue den Deutschen, sie sind intelligent, sie sind hartnäckig.“

Max Schott, ein Freund der Berliner, experimentierte wochenlang mit dem griechischen Gin und dem Olivenöl. Inzwischen stehen 1000 Flaschen des ersten Jahrgangs verkaufsbereit im Berliner Lager.

Das Öl wird nach der Aromatisierung wieder dem Callicounis-Gin entzogen, zurück bleibt nur das Aroma. Die Restbestände des Öls werden weiterverarbeitet – in Heilsalbe für Tätowierer. Einer davon ist Tobi Vetter, er ist ebenfalls aus Berlin angereist und hilft bei der Ernte. In seinem Studio in Berlin hat er schon mit der Heilsalbe gearbeitet, der Effekt hat seine Erwartungen übertroffen. Sein Tätowierbesteck hat Tobi nach Andania mitgebracht, nach getaner Arbeit ritzt er Firmengründer Marc das Gründungsdatum der Firma in den Arm. Marc trägt seine Haut zu Markte, und es scheint alles in die richtige Richtung zu laufen für die kleine Start-up-Firma in Berlin, in die als dritter in diesem Jahr auch der Italiener Simone Artale eingestiegen ist, der sich vor allem um die Vermarktung und die sozialen Medien kümmert.

Statt auf Amphore-Klischees, setzt man auf modernde Produktgestaltung

Auch da läuft es bestens, man ist neu im Vertrieb der grünen Supermärkte. Von Seife bis Öl prangt auf allen Produkten das Konterfei von Anthoula, mattschwarz der Hintergrund. „Wir wollten weg vom Olivenzweig und den Amphore-Klischees“, sagt Amadeus. Das schlichte Design soll die Produkte modern wirken lassen. „Das Gesicht meiner Oma auf unseren Kanistern steht aber gleichzeitig für den Respekt vor dieser alten Generation, die uns diese Bäume übergeben.“

Klimawandel bedroht Ernteerträge

Genau hier senken sich aber auch dunklere Wolken über das griechisch-deutsche Paradies. Nur wenige Wochen vor der letzten Ernte ist der Wirbelsturm Sorbas über den Peloponnes hinweggefegt. Anthoulas Mann, der Großvater von Amadeus, hat sein Fischerboot an Sorbas abgeben müssen.

Sorbas war ein sogenannter Medicane. Den erklären Meterologen als Sturmtief, das sich im Mittelmeer bilden kann, wenn das Wasser extrem hohe Temperaturen aufweist. Das Wort setzt sich zusammen aus Mediterran und Hurricane, die Stürme ähneln auch einem Hurrikan, sind aber kleiner und kurzlebiger.

Sorbas aber kam mit unerwartet großer Wucht daher, nahm nicht nur das Boot vom Großvater mit, sondern verwüstete ganze Küstengebiete. Noch ist das Phänomen der Medicane zu jung, um Aussagen darüber zu machen, inwieweit und ob sie mit dem Klimawandel zusammenhängen, aber das beruhigt weder die Fischer noch die Olivenbauer. Sie brauchen keine meteorologischen Studien, um zu erkennen, dass sich die Natur in bedrohlichem Wandel befindet.

„Über meine ganze Kindheit, seit ich hierherkomme, gab es nur gute Ernten“, sagt Amadeus, „mal mehr, mal weniger, aber um das Wetter und die Ernte hat man sich hier nie Sorgen gemacht. Ernteausfälle – das kannte man gar nicht.“

Inzwischen lebt man mit verringerten Erträgen, um die zwanzig bis dreißig Prozent betrug zuletzt der Ernteausfall gegenüber dem Jahr zuvor, das hatte es in dieser Region noch nie gegeben. Ilias, der Chef der Ölmühle, kann noch weiter zurückblicken: „Der Klimawandel hat schon jetzt enormen Einfluss auf unsere Olivenernte. Die Änderungen wurden besonders in den vergangenen fünf Jahren immer spürbarer. Hier, aber auch in den anderen Mittelmeerregionen. Wir bekommen die gleichen Berichte aus Italien und Spanien. Vor allem die täglichen Wetterschwankungen machen uns hier zu schaffen, von 35 Grad tagsüber runter auf 10 Grad in der Nacht. Für die Bäume ist das Stress.“

Olivenbäume sind gestresst

Den Begriff Stress in Zusammenhang mit den Olivenbäumen gebraucht auch Amadeus immer wieder. Er spürt, wie die Bäume auf seine Pflege reagieren, er spürt den Zugriff der Natur auf ihren Ertrag. Das fünfte Buch Mose zitiert er, um den Wert des griechischen Goldes zu benennen: „Wenn du deine Oliven abschlägst, sollst du nicht hinterher die Zweige absuchen: für den Fremden, für die Waise und für die Witwe soll es sein.“ Die Bäume liefern den Ertrag fürs eigene Leben und Wohlstand, gleichzeitig soll mit ihnen auch Gutes für die Gemeinschaft getan werden. In Kalamata spüren die Menschen deutlich, dass beides nun gefährdet ist. Eine jahrtausendealte Kultur droht zugrunde zu gehen.

Amadeus haben die letzten vier Jahre hier mindestens so geprägt wie die Ferien in seiner Kindheit. Jüngst hat er sich sogar noch taufen lassen, hier hat er seinen Glauben wiedergefunden. Und trotz allem hat er auch eine gewisse Gelassenheit gefunden, was die Firma angeht, die den Klimawandel womöglich nicht übersteht: „Die Bäume standen schon in der Antike für Weisheit und Frieden“, sagt er. „Sie haben die Kriege überlebt. Sie werden uns überleben.“

Dabei schaut er seine Großmutter an, Anthoula, die neben ihm auf einem Olivensack sitzt, in die Tiefebene schaut und auf den Abtransport der Oliven wartet.