Potsdam - Der kleine Baum ist erst knappe fünf Meter hoch und versucht doch, die gegenüberliegende, fast 20 Meter hohe Linde zu überstrahlen: Die Blätter des jungen Gewächses weisen eine schöne grüne Färbung auf, während beim Altbaum viele braune oder kahle Stellen von Schädlingsbefall zeugen.

„Die amerikanische Linde hat sich gut gemacht“, findet auch Matthias Zander und befühlt den Stamm des Jungbaumes, der schon einen Durchmesser von knappen 15 Zentimetern erreicht hat. „Sie sieht sehr vital aus und hat gesundes Laub“, so lautet sein Fazit.

Weniger Schädlinge

Die amerikanische Linde, die seit zwei Jahren in der Potsdamer Franz-Mehring-Straße wächst, gilt als besonders klimaresistent und wird von Zander und seinem Team genau beobachtet. Der Diplom-Agraringenieur leitet seit 2003 den Bereich „Urbane Ökophysiologie“ an der Berliner Humboldt Universität und ist Kopf eines Forschungsteams, das herausfinden will, welche Bäume den vermehrt auftretenden Wetterextremen am besten standhalten. Das Projekt ist beim Innovationsnetzwerk Klimaanpassung Berlin-Brandenburg angesiedelt und wird aus Bundesmitteln finanziert.

Zander schaut noch einmal zur älteren Linde hoch. Man könne sofort erkennen, dass ihr junges, amerikanisches Pendant von weniger Schädlingen und Blattläusen befallen ist, sagt er dann. „Die heimischen Lindenarten sind eigentlich im Mischwald zu Hause“, erklärt der 51 Jahre alte Wissenschaftler. Die Bedingungen in einer Wohnstraße wie hier in Potsdam seien somit alles andere als ideal für diese Arten. Denn Stadtbäume haben mit besonderen Problemen zu kämpfen – etwa mit dem Einfluss des Straßenverkehrs oder den Auswirkungen von Streusalz. Welche Arten unter diesen ebenso wie unter veränderten klimatischen Bedingungen am besten gedeihen, das will das Forschungsprojekt in den kommenden Jahren ergründen.

Bäume müssen Trockenheit gut aushalten

Dazu wurden 2010 zunächst mehrere als klimaresistent geltende Baumarten in Kleinziethen im Landkreis Schönefeld gepflanzt. „In den vergangenen 15 Jahren traten immer längere Trockenperioden auf“, sagt Zander, der schon am Ende seines Studiums den Fokus auf Baumforschung gelegt hat. Daher wurde bei der Auswahl besonders darauf geachtet, welchen Arten Trockenheit nur wenig anhaben kann. Aber auch Faktoren wie Schädlingsfreiheit und Stresstoleranz spielten eine entscheidende Rolle. Die Bäume mit dem besten Testergebnis wurden ausgewählt und an mehreren Standorten in Potsdam gepflanzt: Für die Franz-Mehring-Straße etwa wurde neben der Amerikanischen Linde auch der Amerikanische Amberbaum ausgewählt. Hier sollen sie sich seit Herbst 2014 unter Realbedingungen beweisen.

Resistente Arten

Sechs mal sechs Bäume wachsen an den jeweiligen Standorten. Jeweils zwei von ihnen bekamen bei ihrer Pflanzung einen Bodenhilfsstoff hinzu, der die Wasserspeicherkapazität des Gewächses verbessern soll. Bei zwei weiteren Bäumen wurde die sogenannte Mykorrhiza forciert – Pilze gehen eine Symbiose mit dem Feinwurzelsystem des Baumes ein und vergrößern so die Wurzeloberfläche, was wiederum die Aufnahme von Nährstoffen erleichtert. Die anderen zwei Bäume müssen ohne Zutun der Wissenschaftler auskommen.

Die gepflanzten Baumarten werden auf ihre Resistenzen hin überprüft. „Wir entnehmen Blattproben, um physiologische Parameter zu erfassen“, sagt Zander. So könnten Aussagen über Stress getroffen werden, die man mit dem bloßen Auge nicht erkennt. Davon abgesehen werden die Klimabäume jedoch behandelt wie jeder andere Stadtbaum auch. Die Pflege übernimmt die Stadt Potsdam.

Kein kompletter Ersatz

Nach einigen Pflanzungen, die nicht erfolgreich verliefen, habe die Stadt auch ein großes Interesse an dem Forschungsprojekt, sagt Zander. Politiker der Brandenburgischen Landeshauptstadt waren durch einen Vortrag des Berliner Grünflächenamtes darauf aufmerksam geworden, dass entsprechende Partner gesucht werden und hatten sich an die Universität gewandt.

Nach einigen Jahren ließe sich genau sagen, welche Baumarten auch in Zukunft eine gute Alternative zu den bisherigen Stadtbäumen sind. Wird sich das Baumbild von Städten dann grundlegend ändern? „Nein, wir wollen die heimischen Arten nicht komplett ablösen. Wir suchen auch nur nach Alternativen“, versichert Zander.