Viele Klinikärzte in Berlin und Brandenburg sind frustriert.
Foto: dpa/Rolf Vennenbernd

BerlinDas Bild, das der Marburger Bund vom Arbeitsalltag der Ärzte an den Kliniken in den Ländern Berlin und Brandenburg zeichnet, ist ein düsteres Bild. Von massiver Arbeitsüberlastung ist die Rede, von Zeitdruck, von Frustrationen, von wiederkehrenden Anzeichen für Depressionen und von einer großer Unzufriedenheit bei Medizinern.

Der Marburger Bund hat 124.000 Mitglieder bundesweit. Er ist eine Gewerkschaft, die mehr als 70 Prozent der angestellten Ärzte vertritt, also jener Mediziner, die sich nicht mit einer eigenen Praxis niedergelassen haben, sondern im Krankenhaus angestellt sind, egal, ob es ein kommunales ist, ein privates, ein kirchliches oder eine Universitätsklinik.

Ein Bild der Überlastung

Der Marburger Bund stellte am Montag die Ergebnisse einer Umfrage vor, die die Uni Hamburg im September zur Arbeits- und Gesundheitssituation bei den Klinikärzten in Berlin und Brandenburg gemacht hat. Die Macher sind selbst überrascht von der großen Resonanz, denn es beteiligten sich 2060 Ärzte.

Der Arbeitsstress bei Klinikärzten. 
Grafik: BLZ/ Hecher/ Marbuger Bund

„Die Ergebnisse zeichnen ein erschreckendes Bild vom oft prekären Arbeitsalltag, aber auch ein eindeutiges Bild der Überlastung, das alarmierend ist“, sagte Peter Bobbert. Er ist selbst Oberarzt sowie Landesvorsitzender des Marburger Bundes Berlin-Brandenburg und im Vorstand der Berliner Ärztekammer.

Als größtes Problem wird von der Mehrheit der Befragten der stetig steigende Zeitdruck angesehen. So klagten 69 Prozent der Befragten, dass sie mehrmals am Tag oder ständig unter Zeitdruck stehen. Der Zeitdruck führt dazu, dass immer mehr Ärzte immer länger arbeiten: Vertraglich vereinbart sind 38,4 Wochenarbeitsstunden, ein großer Teil sei auch bereit, bis zu 48 Stunden zu arbeiten, doch die reale Zahl liege bereits bei 50,1 Stunden.

Forderung: Mehr Zeit für Patienten

„Der bürokratische Aufwand ist für Ärzte massiv gestiegen“, sagte Bobbert. Oft sind es reine Sekretariatsarbeiten, die die Mediziner miterledigen müssten. Früher machte die Arbeit am Computer, die Vervollständigung der Akten, das Anträge-Schreiben etwa 20 Prozent des Arbeitspensums aus, inzwischen geht es in Richtung 40 Prozent. „Oft machen die Ärzte ihre bürokratischen Überstunden abends um 19 Uhr und schreiben sie nicht mal auf“, sagte er. Deshalb seien dies für die Kliniken sehr preiswerte Überstunden – und so hätten die Krankenhäuser nicht viel Interesse das bürokratische Pensum zu senken. 

„Die Ärzte müssen wieder mehr Zeit für ihre originäre Aufgaben haben, für die Arbeit mit Patienten“, sagte Bobbert. Ärzte würden nicht über den eigentlichen Arbeitsstress etwa in Notaufnahmen klagen, sondern über die Zusatzbelastungen.

Der Stress hat in der Wahrnehmung der Ärzte massive Auswirkungen. Die Zahlen zeigen, dass 53 Prozent der Befragten sagen, dass sie täglich oder mehrmals am Tag von der Arbeit frustriert sind.

Depressionen und Burnout bei Ärzten

Der Frust wird als zentraler Belastungsfaktor beschrieben. Bobbert erzählte von Gesprächen mit Ärzten, die morgens auf dem Weg zur Arbeit denken: Etwas stimmt nicht mehr. „Viele Ärzte in Berlin und Brandenburg sind frustriert und haben das Gefühl: Ich kann den Ansprüchen nicht mehr gerecht werden, die ich selbst an diesen Beruf habe und die die Patienten an mich stellen.“

Der Frust sorge bei Ärzten dafür, dass sie selbst häufiger krank werden, dass manche depressiv sind oder einen „arbeitsbezogenen Burnout“ fürchten. In der Studie heißt es: 35 Prozent der Befragten hätten oft oder sehr oft das Gefühl des Ausgebranntseins. „Nur wer selbst gesund ist, kann auch andere wieder gesund machen“, sagte Bobbert.

Steffen König von der Landesärztekammer Brandenburg sagte, dass die Lage im Nachbarland noch dramatischer sei. Denn dort sei es viel schwieriger, überhaupt Personal zu finden – jedenfalls je weiter die Krankenhäuser von Berlin entfernt sind. „Arzt ist einer der schönsten Berufe“, sagte König. „Aber er geht immer weiter weg vom Helfer des Menschen, hin zum Helfer der Bürokratie.“ König hat eine klare Botschaft: „Jede Minute, die ein Arzt nicht beim Patienten ist, ist eine verschwendete Minute.“

"Ärzteschutz ist Patientenschutz"

Armin Ehl ist Hauptgeschäftsführer des Marburger Bundes und sagte, dass das Bild bundesweit nicht anders sei als in Berlin und Brandenburg. Die Gewerkschaft plädiert für ein grundsätzliches Umdenken bei Krankenhäusern. „Ärzteschutz ist Patientenschutz“, sagte er. Deshalb fordere die Gewerkschaft seit Jahren nicht etwa mehr Geld, sondern Verbesserungen bei der Arbeitszeit.

Der Zentrale Gedanke ist, dass wieder mehr in „den Faktor Mensch“ investiert wird. Ärzte sollen mindestens zwei Wochenenden im Monat frei haben und nicht mehr als vier Bereitschaftsdienste. Die Arbeit solle nicht weiter verdichtet werden. Es müssen klare Untergrenzen festgelegt werden, wie viele Mediziner mindestens in einer Abteilung nötig sind. Auch müssten endlich die realen Arbeitszeiten erfasst werden.  Hauptforderung: Mehr Ärzte Daraus ergibt sich eine klare Hauptforderung, die Geld kostet: Es soll mehr Personal eingestellt werden.

"Krankenhaus ist kein Ort zum Geldverdienen"

Peter Bobbert geht sogar soweit zu sagen: „Ein Krankenhaus ist kein Ort zum Geldverdienen, sondern ein Ort um Menschen zu helfen.“ Die Ökonomisierung und Kommerzialisierung der Branche setze falsche Anreize. Die Krankenhäuser sollten nicht darüber nachdenken müssen, welche Behandlungen das meiste Geld einbringe. „Gute Medizin kostet Geld und bringt kein Geld“, sagte Bobbert.

Der Berliner Landesverband der Deutsche Krankenhausgesellschaft wollte sich am Montag zu den Zahlen und den Forderungen des Marburger Bundes nicht äußern.