Berlin - Der Mann, der am Montag auf einer Bank im Flur der Sozialen Wohnhilfe des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg abgeladen wurde, trug nur einen kurzärmeligen Pyjama. Seine Füße steckten in Latschen, er hatte keine Strümpfe an. „So geht es nicht, warten Sie“, habe sie den beiden Mitarbeitern des Krankentransportes zugerufen, sagte eine Mitarbeitern der Wohnhilfe im Rathaus an der Yorckstraße am Mittwoch. Doch die beiden seien einfach gegangen.

Der Mann, Mitte 50, hat keine Wohnung, er ist Alkoholiker. Vor rund zwei Wochen war er auf der Straße zusammengebrochen und als Notfall in das Centrum für Neurologie, Neurochirurgie und Psychiatrie der Charité eingeliefert worden. Die Wohnhilfe hatte von dem Mann bereits gehört, der Sozialdienst der Charité hatte sich mit ihr in Verbindung gesetzt. „Aber wir haben ihnen gesagt, dass wir derzeit keine Unterkunft für ihn haben“, sagte die Mitarbeiterin. V

on dem Zustand des Mannes sei sie überrascht gewesen. „Als ich gehört habe, dass er entlassen werden soll, bin ich davon ausgegangen, dass er selbstständig kommen kann. Aber er war total verwirrt. Man hätte ihn in diesem Zustand auch nicht in eine Notunterkunft bringen können.“

Nicht einmal selber anziehen konnte er sich. In die Kleidung, die er in einer Plastiktüte bei sich trug, habe ihn ein Mitarbeiter vom Rettungsdienst der Feuerwehr geholfen. Eine Winterjacke oder feste Schuhe habe er nicht besessen. Eine Ärztin des Sozialpsychiatrischen Dienstes in Kreuzberg überwies den Mann noch am Montag in das Urban-Krankenhaus.

Kritik am „Entlassungsmanagement“

Knut Mildner-Spindler (Die Linke), der Sozialstadtrat des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg, verurteilt das Vorgehen der Charité. „Ein derartiges ,Entlassungsmanagement‘ ist zu keinem Zeitpunkt, insbesondere unter diesen Witterungsbedingungen, akzeptabel.“ Das Wohl des Patienten sei gefährdet worden. Der Fall zeige auch, dass es in Berlin grundsätzlich viel zu wenige Wohnheimplätze für Obdachlose gebe. Monika Hermann, die Gesundheitsstadträtin des Bezirks (Bündnis 90/Grüne), sagte am Mittwoch: „Was die Charité gemacht hat, irritiert mich sehr. Es ist nicht nachvollziehbar, was da passiert ist.“

Die Charité wies die Kritik in einer Erklärung zurück. Bereits am 6. Dezember habe der Sozialdienst der Charité die Wohnhilfe kontaktiert. „Dieser gelang es nicht, den obdachlosen Patienten in eine adäquate Unterkunft mit Betreuungsangebot zu vermitteln“, heißt es in einer Stellungnahme. Es sei für den 17. Dezember ein Termin in der Wohnhilfe vereinbart worden, zu dem der Patient eingeladen gewesen sei. „Der Patient wurde von uns mit Unterwäsche, Socken, lange Jogginghose, T-Shirt, Strickjacke versorgt.“ Er habe sich geweigert, die Kleidung anzuziehen. „Wir hatten uns durch den Kontakt mit der Sozialen Wohnhilfe vergewissert, dass ab dort die Hilfskette greift.“ Das ist offenbar nicht geschehen.