Magie, das ist das Erste, was Ben Shinder zum Club ohne Namen einfällt. Er versucht, Worte zu finden für das, was er vor dem Krieg in Kiews berühmten Techno-Club an der Kirillowskaja Staße 41 erlebt hat. Shinder hält sich mit detaillierten Beschreibungen der Wunderwelt zurück. Das erinnert an das Motto, das in Berlin gilt: Was im Berghain passiert, bleibt im Berghain.

Der Kiewer Club hat sich vor dem russischen Angriffskrieg weit über die Ukraine hinaus als Mysterium vermarktet. Er liegt seit 2019 verborgen und eben ganz ohne einen Namen in den Hallen einer ehemaligen Brauerei. Der Club wird wegen der Adresse in Kiew oft „K 41“ genannt. Das mathematische Zeichen ∄ gilt als sein Symbol. Es bedeutet: Es existiert nicht.

Man verliere sich dort in einer Energie, sagt Shinder. Die Besucher seien „schöne Menschen“. Und: „Ich meine schön im Sinne von wahnsinnig kreativ“.

Kiew galt Ravern aus aller Welt als das neue Berlin, als eine neue Heimat. Dann kam der Krieg. Er hat alles verändert. Die russischen Raketen haben K 41, den magischen Ort, einer lebenswichtigen Bedeutung zugeführt.

Shinder erzählt, dass Menschen dort mehrere Tage und Nächte lang Schutz suchten, als die Russen im März die Hauptstadt belagerten. Sie harrten in den Hallen des Clubs so lange aus, wie manche Partys der Raver vor dem Krieg dauerten. „Die dicken Wände waren gut geeignet als Schutzraum.  Das K 41 war auf eine neue Art ein Safe Space“, sagt Shinder.

K 41 war ein Safe Space für die queere Community

Das K 41 wurde 2019 als sogenannter Safe Space für die queere Community in der ukrainischen Hauptstadt gegründet. So nennen sich Clubs, die von der Gesellschaft marginalisierten Gruppen Schutz bieten wollen. Die Türpolitik war dafür bekannt,  Gäste, die zu heteronormativ wirkten, kaum an der Gesichtskontrolle vorbeizulassen. Fetischkleidung, Perücken oder Fantasiekostüme aus transparenten Stoffen stimmten die Türsteher dagegen milde. Das K 41 erklärte sich zum exklusiven Ort für Nicht-Binäre und alle Menschen, die anders als der Mainstream sind.

Ben Shinder, 31, lernte die utopischen Tiefen des Kiewer Nachtlebens kennen, als er vor zwei Jahren in Kiew für seinen Social-Media-Account „Techno Team“ Tanzvideos von ukrainischen Influencern in Berliner Underground-Mode machte. Die Clips seien wie wild geklickt worden, erzählt er.

In Berlin war es Ende der 80er-Jahre ganz ähnlich.

Ben Shinder, Producer

Shinders Familie hat Wurzeln in der ukrainischen Hafenstadt Odessa. Er ist in Israel aufgewachsen. Er habe als Raver schon mit 15 davon geträumt, in Berlin zu leben, erzählt er. Shinder besuchte in Kiew während seiner beruflichen Reisen Clubs wie das Closer im Szeneviertel Podil. Ein „guter Club“, den er mit dem Berliner Club der Visionäre vergleicht.

Auf das, was ihn in der 2019 in einer Brauerei eröffneten Club an der Kirillowskaja Straße 41 erwartete, war er nicht vorbereitet. Ein Ort habe ihn empfangen, in dem unbegrenzte Freiheit herrschte für Menschen, die unter dem Anpassungsdruck der Gesellschaft standen. „Sie konnten hier chillen, anziehen, was sie wollten oder auch gar nichts anziehen“, sagt er.

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Das K 41 war auf eine neue Art ein Safe Space“: Producer Ben Shinder.

Ein Club in Kiew, der Berlinern Geborgenheit vermittelt hat

Der Club habe gleichzeitig auf seine Gäste gut achtgegeben, stellte unter anderem Papierröhrchen für einen hygienischen Drogenkonsum und Aufklärungsmaterial über Safer Sex bereit. Ein Besuch oszillierte zwischen Loslassen und Geborgenheit in einer sicheren Umgebung, sagt Shinder. „Ich habe aufgehört, in Berlin wegzugehen. Einmal im Monat war ich wegen der Arbeit in Kiew und im K 41 feiern.“

Das Eintauchen in die Rave-Kultur Kiews veränderte Shinders Einstellung zu seinen Wurzeln. Er sah das Land, aus dem seine Großeltern stammten, im schummrigen Licht der Clubs mit neuen Augen. „Ich hatte keinen Bezug zu postsowjetischen Ländern, bevor ich nach Kiew kam“, sagt er.

Ihm sei klar geworden, dass Kiew wie Berlin die Energie für kollektive Ekstase aus der gleichen Quelle schöpften: die Verortung an einer Grenze zwischen den Welten. Im Fall Berlins wie Kiews war und ist es die tektonische Bruchlinie zwischen dem europäischen Westen und dem russisch dominierten Osten. „In Berlin war es Ende der 80er-Jahre ganz ähnlich. Der Osten traf auf den Westen, Konservatives auf Progressives, und die Energie explodierte förmlich“, sagt Shinder.

Die Rave-Kultur in der Ukraine ist genau wie die LGBT-Bewegung ein Kind der Maidan-Revolution 2014. Clubs wie das K 41 hätte es unter dem prorussischen Präsidenten Janukowitsch nicht gegeben. Der Autokrat erließ Gesetze, die wie in Russland die LGBT-Gemeinde tangierten.  Vor allem junge Menschen fühlten sich um ihre Zukunftschancen betrogen, als Janukowitsch 2013 ein Assoziierungsabkommen mit der EU platzen ließ, das Moskau missfiel. Die Geschichte nahm im Herbst 2013 mit den Massenprotesten auf dem Maidanplatz in Kiew ihren Lauf. Janukowitsch floh aus der Ukraine, nachdem auf dem Maidan im Februar 2014 Blut floss.

Der Umbruch und die Westorientierung nach der Revolution stellten das Wertesystem der Ukrainer auf den Kopf. Es wurde zunächst toleriert und dann, mit der wachsenden Kluft zu Russland nach Beginn des Krieges im Donbass 2014, akzeptiert, was den sowjetisch geprägten und einst von Moskau diktierten Regeln der Gesellschaft widersprach. LGBT-Aktivisten erhielten 2015 Schutz von der Polizei, um wie im Westen bei der Kyiv Pride marschieren zu können. Cafés in Podil schmückten sich wenige Jahre später mit der Regenbogenflagge.

Die Ukraine habe sich für Neues geöffnet, sagt Shinder. Das sei eine Entscheidung von oben gewesen, die in die Gesellschaft hineingesickert sei. „Wenn eine Regierung ihre Polizei schickt, um die Gay Community bei einem Marsch zu schützen, setzt sie ein Zeichen. Und die Leute beginnen zu verstehen, dass das okay ist.“

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Im Grunde hat sich unsere Idee von Europa verschoben“: Architekt Thomas Karsten.

Berlin bietet der Szene aus Kiew eine neue Heimat

Der Ruf der Techno-Szene in Kiew hatte sich vor dem Krieg in Europa und darüber hinaus herumgesprochen. Shinder tanzte mit Amerikanern und Kanadiern im Club ohne Namen. Billig-Airlines flogen Raver aus Berlin und anderen Städten an den Wochenenden nach Kiew. Viele seien auf der Suche nach einem authentischen Erlebnis gewesen, das im heutigen Berlin schwieriger zu finden sei, meint Shinder. Er erklärt das mit der veränderten Rolle der Hauptstadt. „Die Balance zwischen Ost und West ist da. Alles ist langsamer geworden“, meint er.

Shinder wird mit einem ukrainischen Truck an der Nachfolge-Veranstaltung der Loveparade „Rave the Planet“ am 9. Juli teilnehmen. Er hat nach dem Beginn des russischen Überfalls am 24. Februar für die Community aus Kiew Wohnungen in Berlin organisiert. Die Solidarität der Berliner Raver-Szene sei groß, es gebe viele Hilfsinitiativen, meint er.

Shinder organisierte bereits am 3. März in Berlin einen Soli-Rave für die Ukraine. „Das war schon ein komisches Gefühl, in so einer Lage zu feiern“, erinnert er sich. Die DJs hätten einen aggressiven Industrial-Sound aufgelegt. Es sei aber auch befreiend gewesen, erinnert er sich. Sein Truck soll bei der „Rave the Planet“-Parade das Motto „Protect our Safe Spaces“ tragen. „Es geht uns um Clubs wie das K 41, aber auch darum, dass ein ganzes Land wie die Ukraine nicht mehr ein Safe Space für die Menschen dort ist“, sagt er.

Das Geheimnis des Clubs ohne Namen in Kiew

Das Geheimnis des Clubs ohne Namen bleibt gut gehütet. Thomas Karsten vom Berliner Studio Karhard windet sich um jede Frage herum, wie es genau aussieht im Club ohne Namen. Der Berliner Architekt und sein Team haben den Kiewer Club gestaltet. Sie haben 2003 auch ein Heizkraftwerk in Ost-Berlin in eine Legende verwandelt. Das Studio Karhard entwarf das Berghain.

Thomas Karsten empfängt in seinem Büro an der Bevernstraße. Ein Modell des Berghain steht auf einem Regal. Das K 41 im Miniatur-Format gibt es leider nicht. Karsten erklärt allgemein, was ein Techno-Club braucht. Eine gestaltete Zone für die Türsteher und Kontrollen, eine Garderobe und Toiletten, in denen sich die Menschen aus verschiedenen Gründen gerne aufhalten, nennt er als Beispiele. Ziel der Gestaltung müsse es sein, eine „Anderswelt“ zu schaffen.

Alles begann mit einer E-Mail aus Kiew im Jahr 2017. Die Betreiber fragten bei Karsten an, ob er einen Club in Kiew gestalten wollte. War es so? Wieder bleibt der Architekt verschwiegen. Zu den Gerüchten, hinter dem K 41 stecke ein Oligarch, äußert er sich nicht. Er nennt die Betreiber „technoaffine Philanthropen“, ihr Ziel sei es gewesen, das Kulturleben Kiews durch einen einzigartigen Veranstaltungsort zu bereichern.

Karsten war im Oktober das letzte Mal im K 41. Der russische Angriff am 24. Februar habe ihn schockiert. Sein Studio hält den Kontakt mit dem Team des K 41. Einige Mitarbeiter seien inzwischen in Berlin, sagt er.

Die Clubs in Kiew haben geschlossen. Von 23 Uhr an gilt eine Ausgangssperre in der Hauptstadt. „Die Clubszene ist jetzt arbeitslos“, sagt Karsten. Solange der Krieg dauere, könne nicht gefeiert werden. Karsten sorgt sich, dass etwas durch den Krieg verloren gehen könnte, was in den vergangenen Jahren zum Blühen kam. „Wir haben unmittelbar vor dem Krieg einige Anfragen aus Kiew bekommen, genderneutrale und LGBT-freundliche Clubs zu gestalten. Der Krieg ist ein herber Rückschlag für das Kulturleben in der Stadt.“

Und womöglich auch für die ukrainische Gesellschaft. Karsten sagt, er sei Zeuge eines Wandels gewesen, den eine experimentierfreudige und offene Generation nach 2014 in rasantem Tempo vollbracht hat. Der Krieg nehme ihr nun genau die Räume, in denen sich die Veränderung besonders sichtbar ausgedrückt habe. Sie treibe zudem viele Taktgeber der Öffnung ins Ausland. Russland sei es mit seinem Überfall vielleicht genau darum gegangen. „Ich glaube, der Angriff auf die Ukraine zielte auf genau das, was da geschaffen wurde“, sagt Karsten.

Seine Reisen nach Kiew haben Karstens Blick auf die Ukraine verändert. Er ist davon überzeugt, dass der Krieg nun in ganz Europa die Wahrnehmung auf den Kopf gestellt hat. Es stehe für ihn außer Frage, dass die Ukraine einmal zur EU gehören wird. „Wir sehen jetzt, dass die Ukraine ein modernes und nach Westen orientiertes Land ist. Im Grunde hat sich unsere Idee von Europa verschoben.“

Spendenaufruf: Die Community des Clubs ohne Namen hat eine Spendenwebseite eingerichtet. Sie ist unter https://k41community.fund erreichbar.