Sie alle haben legitime Interessen, sie alle beanspruchen den gleichen Raum: Ein Anwohner will nachts im ersten Stock schlafen, während junge Leute im Erdgeschoss feiern wollen. Ein Investor will auf einem Grundstück Geld verdienen, wo ein Klub seinen Besuchern Freiräume bieten will.

Ein Tourist will einen authentischen Kiez kennenlernen, in dem ein Nachbar fürchtet, zum Statisten in einem Entertainmentviertel zu werden. Wie passen sie alle zusammen in einer Stadt, in der der Kampf um die Flächen mit immer härteren Bandagen geführt wird?

Diese Frage diskutieren seit Donnerstag rund 600 Klubmacher, Politiker, Kulturverantwortliche, Stadtplaner und Gäste bei der Konferenz „Nights – Stadt nach acht“. Sie sprechen über Gesundheit und Sicherheit, über Stadtentwicklung und die wirtschaftlichen Aspekte des Nachtlebens. Zum zweiten Mal richtet die Berliner Clubcommission das Branchentreffen aus, um neue Lösungen für die Subkultur in der wachsenden Metropole zu suchen.

Manch einer will sich aber erst mal die Wut von der Seele reden. „Wir werden alle ausverkauft“, schimpft etwa Steffen Hack, der seit 15 Jahren das Watergate an der Oberbaumbrücke betreibt. Der bekannte Klub musste kürzlich eine Verdoppelung der Miete schlucken.

Das steht am Donnerstag auch auf einem Protestplakat an der Wand des Klubs geschrieben. Das Watergate ist einer der Veranstaltungsorte der Konferenz, ebenso das Musik & Frieden nebenan. „Die Planlosigkeit der Politik ist erschreckend“, sagt Steffen Hack. Die Politik habe in den letzten Jahrzehnten zu wenig Ideen gezeigt, die Clubs zu schützen.

„Techno gehört zu Berlin“

Das wollen die Vertreter der Parteien im Abgeordnetenhaus bei einer Diskussionsrunde am Nachmittag nicht auf sich sitzen lassen. „Techno gehört zu Berlin, die Klubkultur ist uns wichtig“, sagt Georg Kössler, klubpolitischer Sprecher der Grünen. Die Stadt profiliere sich über die Ausgehkultur als Metropole der Querdenker. „Da sollten wir jetzt für die Klubs auch mal Geld in die Hand nehmen.“

Kössler fordert, im nächsten Doppelhaushalt eine Million Euro pro Jahr für einen Lärmschutzfonds zur Verfügung zu stellen. Der soll Klubs unter die Arme greifen, die aufgrund von Bauprojekten oder Nachbarschaftsstreits von der Schließung bedroht sind. Etwa Lärmschutzwände oder schalldichte Fenster könnten daraus bezahlt werden, aber auch Mediatoren, die in festgefahrenen Konflikten vermitteln.

Obwohl der Koalitionsvertrag den Fonds vorsieht, redet Clara West, Mitglied im Hauptausschuss und medienpolitische Sprecherin der SPD, noch zögerlich darüber. „Wir sind noch mitten im Verhandlungsprozess“, sagt sie. Mitte Dezember muss der Haushalt stehen.

Immer wieder kursiert am Donnerstag die Geschichte des Knaack-Klubs, die vielen als Negativbeispiel dient. Das Knaack in Prenzlauer Berg musste 2010 nach 59 Jahren schließen, nachdem weniger ortskundige Nachbarn aus einem Neubau nebenan wegen des Lärms geklagt hatten.

„Niemand will noch mehr langweilige Systemgastronomie“

Um solche Fälle zu verhindern, fordert Christian Goiny, der medienpolitische Sprecher der CDU, Flächen in der Innenstadt gezielt für die Ausgehkultur zu definieren. „Zum Beispiel den Klubbereich am Spreeufer“, so Goiny. Die Senatsverwaltung für Stadtentwicklung denke die Zukunft der Klubs noch zu wenig mit.

Stadtentwicklungssenatorin Katrin Lompscher (Linke) wird am Freitag ebenfalls auf dem Podium sitzen – allerdings unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Beim ersten Empfang der Urban Ground Society treffen sich am Abend Klubmacher, Kulturschaffende und Immobilienentwickler, um über gemeinsame Projekte zu sprechen. „Wir wollen in der neuen Society die Gutwilligen zusammenbringen“, sagt Marc Wohlrabe von der Clubcommission. „Es ist ja auch nicht jeder Investor böse.“

Von kulturellen Zwischennutzungen wie jüngst dem Graffitiprojekt The Haus profitieren oft auch die Immobilienfirmen, weil sie ihre Liegenschaft stärken. „Doch wir reden nicht nur über temporäre Projekte“, sagt Wohlrabe.

„Wir müssen da hinkommen, dass Investoren auch langfristig Klubs und andere kuratierte Kultur mit ins Haus nehmen – einfach, weil das irgendwann hoffentlich zum guten Ton gehört und sie verpönt sind, wenn sie es nicht tun. Niemand in Berlin will doch noch mehr langweilige Systemgastronomie!“

Gegenüber vom Watergate steht ein weißer Neubau an der Spree. Die Mieter dort liegen mit den Klubmachern von der anderen Seite im Argen, heißt es. Der Klotz ist durch die Fensterfront des Klubs sichtbar, direkt hinter dem Podium. Er steht dort und scheint eine Warnung auszusprechen: Wer die Szene hier halten will, muss Lösungen finden – sonst entwickeln die Stadt bald andere.