Sollte es die SPD im nächsten Sommer noch geben, kann man jedem Medium nur dringend ein Sommerinterview empfehlen – mit ihm: Heinz Buschkowsky. Überraschend wird es nicht gerade sein, was darin steht, aber deftig-kräftig in jedem Fall. Denn das ist das Markenzeichen des einstigen Neuköllner Bezirksbürgermeisters, der in und mit der SPD eine prima kommunalpolitische Karriere hingelegt hat – und nun, 69-jährig, seit einigen Jahren dafür eine faire Pension bezieht.

Was ihm genügend Zeit lässt, um etwa bei RTL für ein weiteres Format der Stilrichtung Armutsvoyeurismus („Zahltag!“) zur Verfügung zu stehen. Oder aber Interviews zu geben, in denen er seine Partei, die bekanntlich am Boden liegt, einmal mehr niedermacht.

"Unterirdischster Landesverband"

Vermutlich weil derlei auf Dauer erwartbar, wenn nicht gar ermüdend wirkt, hat Buschkowsky, der „Genosse Klartext“, dieses Mal in der Welt am Sonntag (WamS) besonders tief in die Pöbelkiste gegriffen. Sein Berliner Landesverband, in dem er als rechter Sozialdemokrat in der Tat fast immer einen schweren Stand hatte, gelte „nicht umsonst als unterirdischster Landesverband der deutschen Sozialdemokratie“.

Das liest sich super, auch wenn man einwenden möchte, dass dieser unterirdische Verband seit 17 Jahren den Regierenden Bürgermeister stellt. Irgendjemand muss die SPD also gewählt und sogar wiedergewählt haben. Der aktuelle Senatschef Michael Müller verantwortet dabei – voll im Bundestrend – Umfragewerte von unter 20 Prozent, was Buschkowsky, der außerhalb Neuköllns nie mehrheitsfähig war, zur Prognose veranlasst, es falle eher Schnee in der Wüste, als dass Müller noch einmal Spitzenkandidat werde. In der B.Z. legt „Buschi“, wie er dort liebevoll genannt wird, gleich noch einmal nach und bescheinigt Müller, „kein Charisma, keine Durchsetzungskraft“ zu haben.

"Viele Kranke unterwegs"

Dass Buschkowsky einer der ersten war, der 2014 denselben Müller als Nachfolger des charismatischen, durchsetzungsfähigen Klaus Wowereit empfahl, zählt zu den Details, die bei derartiger Verbalpotenz leicht in Vergessenheit geraten. Sei es drum. Und obwohl Buschkowky im WamS-Interview einige interessante Dinge zu Merkel sagt („die beste sozialdemokratische Kanzlerin, die Deutschland je hatte“), wird auch er selbst geahnt haben, dass seine Beschimpfung der SPD als „Klugscheißerpartei“, der das Volk abhanden gekommen ist, etwas leichter durchdringt.

Für seine Berliner Genossen, einem traditionell linken Landesverband, hat er noch den Satz parat: „Da sind viele Kranke unterwegs.“ Die Folge sei, dass der kommende Regierende Bürgermeister mit Kultursenator Klaus Lederer, seit Monaten beliebtestes Regierungsmitglied der Stadt, von der Linken stammen könnte. „Wir präsentieren den SED-Fritzen die Stadt auf dem silbernen Tablett“, so Buschkowsky – den auf Twitter erst der einstige Linken-Landeschef und Bundestagspolitiker Stefan Liebich darauf aufmerksam machen musste, dass Buschkowsky 2001 von der damaligen PDS im Bezirk mitgewählt wurde. „Nicht unsere beste Idee“, schreibt Liebich.

Unoriginelle These

In der Urlaubszeit fallen solche Widersprüche wohl einfach seltener auf. Die zentrale These Buschkowskys, die SPD entferne sich immer mehr von der „arbeitenden Bevölkerung“ und deren Sorgen, ist zudem dermaßen unoriginell – kein Parteitag endet ohne sie – , dass sie offenbar der rhetorischen Überwürzung bedarf. Viel Wirkung, außerhalb einer sommertheaterlichen Geschmacksimplosion, entfaltet sie so allerdings nicht. Schon gar nicht im eigenen Verband.

Der uncharismatische Michael Müller jedenfalls sieht keinen Grund, ein Buschkowsky-Interview aus seinen Ferien heraus zu kommentieren. Seine Landesgeschäftsführerin Anett Seltz zählt auf Anfrage auf, dass unter SPD-Führung inzwischen massiv in Schulneubau und -sanierung investiert werde, die Alexwache für mehr Sicherheit sorge und mit Müllers Vorschlag eines solidarischen Grundeinkommens Menschen wieder eine Perspektive auf dem Arbeitsmarkt erhalten sollen. „Das hat sehr wenig mit Klugscheißerei zu tun, da geht es um konkretes Handeln“, sagt Seltz.

Der Neuköllner Haudrauf

Auch der Fraktionsvorsitzende Raed Saleh, laut seinem Sprecher Markus Frenzel derzeit in „Palästina“ im Urlaub, meldet sich nicht persönlich zu Wort. Dabei hat zumindest Saleh nach den historisch schlechten Wahlergebnissen der Vergangenheit immer wieder selbst angemahnt, dass die SPD keine abgehobene Funktionärspartei sein dürfe. Also ganz Buschi-artig, wenn auch ohne Beschimpfungen.

So plätschert die Debatte, wenn man sie denn so nennen will, über den Neuköllner Haudrauf und seine Sottisen auch etwa in den sozialen Netzwerken eher so dahin. Ein gewisser Jörg Meuthen, von Beruf AfD-Bundessprecher, sieht seine Rechtsausleger-Partei schon als neuen Heimathafen der enttäuschten arbeitenden Bevölkerung und empfiehlt wärmstens die Buschkowsky-Lektüre. Unter Berlins Sozis finden dagegen nur wenige – wie etwa der Reinickendorfer Ex-Abgeordnete Thorsten Karge – die Einwürfe des Politpensionärs bedenkenswert.

„Ein typischer Buschi halt“, meint einer.