Berlin - Bis vor ein paar Wochen verirrte sich nur selten jemand auf das obere Parkdeck der Neukölln Arcaden. Wer doch mal den Fahrstuhl in die fünfte Etage nahm, dann die schneckenförmige Auffahrt zur nächsten Ebene hoch lief, sah kein Auto weit und breit, nur weiße Pfeile und Parkstreifen auf dem Boden. Dazu ein fantastischer Blick über die Stadt und ein weiter Himmel. Jetzt kann man diesen Ausblick mit einem kühlen Drink in der Hand genießen – im Kulturdachgarten „Klunkerkranich“, der an diesem Wochenende Eröffnung feiert.

Kein neuer Hipster-Treff

Zwei Wochen vorher ist das frühere Parkdeck noch eine Baustelle. Der Asphalt ist schon teilweise mit Holzboden bedeckt, in der Mitte der großen Fläche erhebt sich ein großes, dreistufiges Holzpodest. Seit vier Wochen hämmern, sägen und schrauben hier täglich ein Dutzend junger Leute. Für das Projekt „Klunkerkranich“ haben sich zwei Veranstalter zusammengetan: Zum einen „Klangsucht“, in der Feierszene bekannt durch legendäre Open-Air-Partys und den Donnerstag im Golden Gate, sowie die Betreiber der Neuköllner Kneipe „Fuchs und Elster“, die dort aber eher Lesungen und Konzerte mit handgemachter Musik veranstalten als wilde Partys.

„Das wird hier auch kein neuer Open-Air-Club“, sagt Robin Schellenberg vom „Fuchs und Elster“. Er ist 28 Jahre alt und einer der vier Betreiber des „Klunkerkranich“. Seine hellen Dreadlocks hat er zum Dutt zusammengebunden, die Jeans, das Holzfällerhemd und die zerrissenen braunen Lederschuhe sind von Holzstaub bedeckt. Er erzählt, wie er und seine Freunde vor einigen Jahren in der alten Kindl-Brauerei einen Raum für Theateraufführungen umbauten und so der Kontakt zu den Neuköllner Behörden entstand, die nun auch das neue Projekt unterstützen und sogar bei der Besorgung eines Krans halfen, der das Material aufs Dach hob. „Der Bezirk hat sich gefreut, dass hier etwas Kulturelles entsteht.“

Für acht Jahre konnten sie die Fläche vom Besitzer des Parkhauses mieten. Bis zu 30 Leute helfen jeden Tag dabei, die 2 500 Quadratmeter zu gestalten. Handwerklich arbeiten, das täten sie ja oft, sagt Schellenberg. Im Hintergrund kreischt eine Kreissäge. „Einige von uns sind auch vom Fach, die anderen haben es mit den Jahren gelernt, auch die Künstler.“ Denn es sei ihnen schon immer nicht nur darum gegangen, etwas zu veranstalten, sondern den Ort dafür selbst zu entwerfen.

Für den „Klunkerkranich“ haben sie beschlossen, die Parkhaus-Landschaft aus Beton zu „renaturieren“. Mit Holz und vielen Pflanzen. Entstehen soll „eine Fusion aus Veranstaltungsfläche, Restaurant und Dachgarten“. Und natürlich auch eine Bar, eine Art Holzbude mit einem Hirschgeweih und altmodischen Hängelampen aus Glas über der Theke. Auch die Außengeländer sind schon mit Holz verkleidet und mit Blumenkästen bestückt. Weiter hinten steht auch der namensgebende Kranich. Zwar ist der nur aus Stahl und Plastikband, dafür aber mit Glasperlen-Kette und anderen Klunkern behängt.

Nicht nur Bespaßung sondern auch ein Gesellschaftsprojekt

„Der Garten ist das zentrale Element“, sagt Schellenberg und zeigt Richtung Auffahrt, wo schon einige Holzkübel mit Pflanzen stehen. Tomaten haben sie gepflanzt, Erdbeeren, Sonnenblumen, Kräuter, Rosenkohl: Gemeinschaftsdachgarten zum einen und zum anderen anschauliches Objekt für Workshops und Vorträge.

„Wir wollen zeigen, welche Anbaukonzepte in einer Stadt möglich sind“, sagt Robin Schellenberg und zählt Dinge auf, die sie planen: einen Bienenstock, einen Regenwurmkompost, eine Färbeküche, in der nur mit Pflanzen gefärbt wird, einen vertikalen Garten und vieles mehr. „Hier kommen überall Pflanzen hin.“ Er zeigt auf die freien Asphaltstreifen zwischen den Holzflächen. „In drei Jahren wird man nicht mehr sehen, dass das mal ein Parkdeck war.“

Schellenberg und seine Freunde hoffen, dass die Neuköllner sich auch einbringen werden. Ideen sind gefragt. Seit zehn Jahren wohnt er in Neukölln und liebt es – wegen der Vielfältigkeit und Offenheit. Ein Hipster-Treff soll der „Klunkerkranich“ nämlich nicht werden. „Hier sind alle willkommen“, sagt er und erzählt von der Vor-Eröffnung zu „48 Stunden Neukölln“, davon, wie „ältere Herrschaften“ bei Kaffee und Kuchen hier oben saßen, wie Kinder mit Kreide den Asphalt bemalten und sich junge Leute auf dem Holzpodest sonnten.

Eintritt werden sie nur zu Veranstaltungen nehmen. Geplant sind Lesungen, Konzerte, Theaterstücke. Sonst sind Dachgarten und Restaurant frei zugänglich.

Klunkerkranich Kulturdachgarten, auf dem Einkaufszentrum Neukölln Arcaden, Karl-Marx-Straße 66.

Eröffnungswochenende: Sa/So 14–24 Uhr, mit Livebands, DJs und Theater, Eintritt bis 18 Uhr frei, dann 3 Euro