Vor kurzem fand in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem eine Konferenz statt. Eingeladen waren 13 Experten: Archäologen, Anthropologen, Mediziner, Historiker und Rabbi Joseph A. Polak. Beraten wurde, was mit Tausenden menschlichen Knochen und Knochenfragmenten geschehen soll, die 2015/16 bei archäologischen Grabungen im Garten des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts für Anthropologie, menschliche Erblehre und Eugenik in Berlin Dahlem gefunden worden waren. Mit diesem, 1927 gegründeten und 1949 aufgelösten Institut sind für immer die medizinischen Verbrechen verbunden, die dessen Mitarbeiter Joseph Mengele 1944 in Auschwitz beging. Heute gehört das Gebäude zur Freien Universität.

„Kommunikationslücken“

Den systematischen Grabungen vorangegangen waren im Juli 2014 Zufallsfunde einer großen Anzahl menschlicher Knochen auf demselben Gelände im Zuge von Kanalarbeiten. Bauarbeiter hatten damals die Polizei alarmiert, die Knochen kamen zur Begutachtung ins Gerichtsmedizinische Institut der Charité, lagen dann eine Weile herum und wurden schließlich achtlos im Krematorium Ruhleben verbrannt. Nachdem dieses Verfahren öffentliche Kritik erzeugt hatte (zuerst im Tagesspiegel, dann in der Berliner Zeitung) sprachen die Leitung der FU und die als Rechtsnachfolgerin der Kaiser-Wilhelm-Gesellschaft mitverantwortliche Max-Planck-Gesellschaft vage von „Kommunikationslücken“. Doch haben beide Institutionen daraus gelernt. Dafür sprechen die neuerlichen Grabungen, die nun vom FU-Institut für Vorderasiatische Archäologie durchgeführt wurden, und die Tatsache, dass kompetente Vertreter der Freien Universität und der Max-Planck-Gesellschaft an der Konferenz in Jerusalem teilnahmen.

Als ehrgeiziger Postdoc hatte sich Mengele in den 1940er-Jahren auf genetische Fragestellungen spezialisiert. Entgegen der damals in Deutschland herrschenden Meinung wollte er beweisen, dass bestimmte Fehlbildungen – etwa Hüftluxation und Klumpfuß – eben nicht erblich seien. Dazu nutzte er die Chancen, die sich ihm als Lagerarzt im KZ Auschwitz 1943/44 täglich boten. Da er vergleichend arbeitete, ließ er im Fall einer ihn interessierenden körperlichen Anomalie den Träger und einen nahen Verwandten (Vater – Sohn, Schwester – Bruder) ermorden. Anschließend musste der überlebende und später berichtende jüdische Sklavenarzt Miklós Nyiszli die wissenschaftlich relevanten Knochen herauspräparieren und per Paketpost an die Adresse des Berliner Instituts für Anthropologie schicken.

Untersuchungen seien legitim

Wie die 2014 vernichteten, aber immerhin fotografierten, gehören auch die neuerlichen Funde zur Sammlung des ehemaligen Nazi-Instituts, dafür sprechen nummerierte Kunststoffmarken sowie Gipsabgüsse menschlicher Gliedmaßen. Die Archäologen der FU werden die Knochen nun zusammen mit Anthropologen und Gerichtsmediziner begutachten. Das wird bis zum Jahresende dauern. In Jerusalem erklärte Rabbi Polak solche Untersuchungen als im Sinne der Opfer für legitim. Erst danach sollen die sterblichen Überreste feierlich bestattet werden. In Berlin ist nunmehr nicht allein die FU zuständig, sondern auch das Landesdenkmalamt, das neuerdings Kultursenator Klaus Lederer untersteht. Warten wir die Ergebnisse ab und fragen Anfang 2018 abermals nach. Dann ist auch zu fragen, ob weitere Grabungen angezeigt sind.