Berlin - Es geschah auf dem Campus der Freien Universität Berlin (FU): Am 1. Juli 2014 baggerten Bauarbeiter dort einen kleinen Graben und stießen dabei auf eine sonderbare Grube – randvoll mit menschlichen Knochen. Der Polier rief die Polizei. Die schickte Kommissarin R., die ihrerseits das Präsidialamt der FU verständigte, die menschlichen Überreste routinemäßig fotografierte und an das Institut für Rechtsmedizin der Charité überstellen ließ.

Die Forensiker begutachteten den Fund vom „Ereignisort Garystr. 39“ und gelangten am 17. Juli zu diesen Erkenntnissen: „Es handelt sich um ca. 250 Liter Knochenfragmente“, die in sieben Papiertüten geborgen wurden, „größtenteils menschlichen Ursprungs“ sind, sowohl von Kindern als auch von Erwachsenen stammen und seit mehreren Jahrzehnten im Erdreich gelegen haben. Außerdem fanden sich zwischen den Knochen „zehn runde Plastikmarken unterschiedlicher Farben“ mit handschriftlich aufgebrachten Zahlen.

All das sprach für einen entsetzlichen Hintergrund: für Auschwitz. Denn der dort 1943/44 tätige Arzt Dr. Dr. Josef Mengele hatte das damals auf dem fraglichen Gelände der FU ansässige Kaiser-Wilhelm-Institut für menschliche Erblehre, Anthropologie und Eugenik (KWIA) mit zahllosen menschlichen Präparaten beliefert. Sie stammten zumeist von jüdischen Männern, Frauen und Kindern, die der KZ-Arzt bei lebendigem Leib untersucht und dann zu Forschungszwecken hatte ermorden lassen.

Mengele und dessen früherer Chef und Doktorvater, Professor Ottmar von Verschuer, der das KWIA leitete, nannten die Knochen, Augen, Blutproben und Organe der Ermordeten, die vor allem 1944 zu Hunderten von Auschwitz nach Berlin verschickt wurden, „wissenschaftliches Material“. Verschuer, Mengele und andere beschäftigten sich seinerzeit mit Zwillingsforschung, Hüftluxation, Klumpfuß, Kleinwüchsigkeit, kurz „mit körperlichen Abnormalitäten“ und generell mit Genetik, also mit allen möglichen noch offenen Fragen der Vererbung.

Das wussten der 2014 verantwortliche FU-Präsident Peter-André Alt und dessen Stab, nicht jedoch die Polizei und die Gerichtsmediziner. Die FU-Spitze versäumte es bewusst, halbbewusst oder fahrlässig, die beteiligten Stellen und die Öffentlichkeit von der wahrscheinlichen Tragweite des Fundes zu unterrichten. Wie ich vermute, war der FU damals ihr Streben nach dem Titel „Exzellenz-Universität“ wichtiger als vieles andere. Wörter wie „Mengele“, „ermordete Juden“ und „Auschwitz“ wurden in diesem Zusammenhang als unpassend empfunden.

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Überlebende Kinder nach der Befreiung des KZ Auschwitz durch die Rote Armee, darunter die jüdischen Zwillinge Miriam und Eva Mozes (mit Strickmützen). Josef Mengele forschte bevorzugt an Zwillingen.

Obwohl die Gerichtsmediziner keinerlei Angaben zu den Besonderheiten des „Ereignisortes Garystr. 39“ erhalten hatten, gelangten sie in ihrem Gutachten zu klaren Schlüssen: „Die aufgefundenen Plastikmarken erinnern an Markierungen für biologische/medizinische Präparate, sodass es sich aufgrund der Lage der Knochen im Erdreich und der Unvollständigkeit der Skelette um Reste solcher handeln könnte.“ Aus der Grube waren also wissenschaftlich markierte Teilskelette von mindestens 17 Menschen sehr unterschiedlichen Alters ans Licht gekommen.

Spätestens jetzt hätte die Spitze der Universität alarmiert sein und weitere Untersuchungen veranlassen müssen. Stattdessen ließ man die Knochen monatelang achtlos herumliegen, bis sie am 12. Dezember 2014 im Krematorium Ruhleben sang- und klanglos verascht und neben einem Kellerfenster des Krematoriums „anonym“ unter die Erde gebracht wurden. Auch verschwanden die gleichfalls aufgefundenen Gipsabgüsse menschlicher Gliedmaßen spurlos.

Immerhin haben sich von dem ersten Fund eine Reihe von gerichtsmedizinischen Fotografien erhalten. Sie zeigen einen hohen Anteil an Wirbel-, Schenkel- und Beckenknochen. Auch das weist Richtung Auschwitz. Wie das wissenschaftliche Morden geschah, hat Mengeles überlebender Zwangsassistent, der ungarisch-jüdische Arzt Miklós Nyiszli, in seinen Erinnerungen sehr genau beschrieben.

Sie erschienen 1960 auf Englisch, 1992 auf Deutsch. So kamen zum Beispiel 1944 ein etwa 50-jähriger nicht-klumpfüßiger Vater und dessen 15-jähriger klumpfüßiger Sohn aus dem Ghetto Lodz in Auschwitz an. Mengele ließ beide in den Sektionsraum von Krematorium II bringen und befahl Nyiszli: „Nehmen Sie die genauen Maße von Vater und Sohn. Füllen Sie alle klinischen Untersuchungsblätter genau aus, und zwar unter besonderer Berücksichtigung möglicher Entstehungsursachen für die Deformitäten.“ Nach der Untersuchung wurden Vater und Sohn sofort erschossen, und Mengele ordnete an: „Man muss die Skelette präparieren und nach Berlin schicken.“

Verdrängen statt aufklären

Öffentlich ruchbar wurde das ignorante Nichtstun des Präsidenten der Freien Universität Anfang 2015. Zuerst deckte der Tagesspiegel den Skandal auf, dann folgte die Berliner Zeitung. In der verklemmt-wortkargen Stellungnahme des Präsidialamts der FU war von „Kommunikationslücken“ die Rede. Doch führte der öffentliche und dann FU-interne Druck dazu, kleinere archäologische Grabungen auf dem Gelände zu unternehmen. Sie fanden 2015/16 statt. Erst im Februar 2021 stellte das FU-Präsidium einige Ergebnisse dieser Nachforschungen einer winzigen Öffentlichkeit per Zoom vor.

Die Grabungen hatten zwei fachlich ausgezeichnete FU-Professoren für Archäologie, Reinhard Bernbeck und Susan Pollock, gemeinsam mit Studenten und Assistenten unternommen. Ihrem Engagement und ihrer Fachkunde sind wesentliche neue Erkenntnisse zu verdanken. Allerdings setzt der heutige Präsident der FU, der Mathematiker Günter M. Ziegler, viel daran, über die ihm sichtlich unangenehme Angelegenheit schnell Gras wachsen zu lassen. Er unterbindet bis heute die von den Archäologen seiner Universität vorgeschlagenen weiteren Grabungen. Statt Aufklärung versprach er im Februar ein kleines Gedenkritual und einige erklärende Tafeln bislang unbekannten Inhalts.

Ganz anders Susan Pollock. Sie stellte im Februar 2021 die vorläufigen Ergebnisse ihrer Grabung sehr präzise vor. Insgesamt wurden auf einem kleinen Areal weitere Skelettteile von mindestens 54 (mutmaßlich etwa 75) Menschen aller Altersklassen gefunden. Auch diese Knochen gehörten eindeutig zu einer wissenschaftlichen Sammlung menschlicher Präparate, wie die abermals aufgefundenen beschrifteten Kunststoffanhänger belegen.

Da solche Etikettierungen erst in den 1920er-Jahren langsam in Gebrauch kamen, stammen auch diese mit erheblicher Wahrscheinlichkeit aus der nationalsozialistischen Zeit. In den Jahrzehnten zuvor wurden die präparierten Knochen anatomisch-anthropologischer Sammlungen entweder direkt mit Tusche beschriftet oder mit nummerierten Etiketten aus Pappe versehen.

Gewissenloser Forschungsrassismus

Deshalb lenkt es von den nationalsozialistischen Verbrechen ab, wenn an der FU immer wieder und neuerdings verstärkt behauptet wird, die Funde könnten auch aus der Zeit des Kolonialismus stammen. In der Tat beherbergte das damalige Kaiser-Wilhelm-Institut eine solche Sammlung, nämlich die des Anthropologen Felix von Luschan. Jedoch wurde diese 1943 nach Nordhessen ausgelagert, wo sie den Krieg unbeschadet überdauerte.

Nach Susan Pollock verdient einer ihrer Funde besondere Aufmerksamkeit: An einer 1944/45 schwer einsehbar gewesenen Stelle entdeckte sie in 1,40 Meter Tiefe den fragmentarisch erhaltenen Gipsabguss eines Mannes mit dazugehörigen Knochen. Wie Pollock resümierte, ergibt sich aus diesem Fund ein Hinweis auf „gewissenlosen Forschungsrassismus“. Nach ihrer Vermutung spricht viel dafür, dass es sich im Fall dieser Grube um ein Versteck handelt, an dessen Inhalt später weitergeforscht werden sollte.

Fehlverhalten des FU-Präsidenten Ziegler

Auch konnte sie feststellen, dass die Grube in großer Eile ausgehoben, mit Säcken voller Knochen gefüllt und dann sehr schnell – ich vermute wegen der anrückenden Roten Armee – zugeschaufelt wurde: „Denn die vertikalen Wandungen der Grube zeichneten sich scharf vom umgebenden Sediment ab, sodass die Grube nicht lange offen gestanden haben kann: Die sandigen Ränder wären schnell erodiert.“

Aus dieser Einsicht folgerten Pollock und ihr Kollege Bernbeck, dass man das gesamte heute noch nicht überbaute Gelände des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts untersuchen sollte. Die ausführlichen Berichte zu den bislang vorgenommenen Grabungen liegen im Präsidialamt der FU vor, werden aber nicht veröffentlicht. Das ist ein Fehlverhalten des FU-Präsidenten Ziegler. Allerdings konnte ich die Berichte im Berliner Landesamt für Denkmalpflege einsehen.

Riesige ungeöffnete Verdachtsfläche

Bereits nach den ersten kleinen Nachgrabungen stuften die Archäologen der FU den noch nicht überbauten Teil des ehemaligen KWIA-Gartens (es handelt sich um mehr als 4000 Quadratmeter) „insgesamt als archäologische Verdachtsfläche“ ein und resümierten: „Man wird wohl davon auszugehen haben, dass überall im Umkreis des KWIA noch Knochengruben der 2014 und 2015 festgestellten Art zu finden sein könnten. (…) Eine gründliche archäologische Untersuchung des Gesamtgeländes östlich der Ihnestraße 22 (heute Otto-Suhr-Institut) bietet sich ebenfalls an.“

Ferner heißt es im unveröffentlichten Abschlussbericht der international hoch angesehenen Professorin für Vorderasiatische Archäologie Susan Pollock: „Nach Abschluss dieser Grabung ist es wahrscheinlich, dass es mindestens drei mit Menschenknochen verfüllte Gruben auf dem KWIA-Gelände gab.“ Da eine Grube „bis tief unter die Geländeoberfläche reicht, besteht durchaus die Möglichkeit, dass noch weitere Gruben mit Menschenknochen in der direkten Umgebung existieren, beziehungsweise dass weitere bei der Anlage der Universitätsbibliothek zerstört wurden.“

Susan Pollock: Weitergraben!

Für das „weitere Vorgehen“ machte Pollock schon 2015 diesen bis heute vom Präsidium der Freien Universität hartnäckig ignorierten Vorschlag: „Der gesamte unversiegelte Bereich des ehemaligen KWIA-Grundstücks sollte in einem längerfristigen Projekt untersucht werden.“ Sie schlug vor, mit archäologischen Mitteln zu erforschen, „was das Kaiser-Wilhelm-Institut für Anthropologie, Eugenik und menschliche Erblehre an materiellen Zeugnissen seiner rassistisch-eugenischen Forschung“ hinterlassen hat. Wörtlich schrieb sie: „Es steht einer wissenschaftlichen Institution wie der Freien Universität an, (…) das im Boden befindliche Objekt-Archiv für die Öffentlichkeit zu erschließen.“

Aus dieser auf solide archäologische Expertise gestützten Einsicht müsste – so sollte man denken – zwingend folgen, die Grabungen auf dem Gelände des ehemaligen Kaiser-Wilhelm-Instituts fortzusetzen. Das aber verhindert FU-Präsident Günter M. Ziegler. Stattdessen fördert er diffuse Gedenkaktivitäten, mit denen vergessen gemacht werden soll, was noch alles im Untergrund des Gartens dieses Nazi-Instituts verborgen sein kann.

Ein Mathematiker, der nicht rechnen will

In der Online-Präsentation vom 23. Februar 2021 verstieg sich Ziegler zu einer haltlosen Ausrede. Auf die Frage, ob weitergegraben werden solle, erwiderte er: Die Sammlungen des Instituts seien 1943 nach Hessen ausgelagert worden und deshalb würden „weitere Nachforschungen keine großen Erkenntnisse bringen“. Die erste Hälfte des Satzes stimmt, die zweite ist absurd: Mengele lieferte erst 1944. Eben weil der Großteil der anatomischen Sammlungen bereits ausgelagert war, weisen alle bisherigen Indizien in Richtung Auschwitz. Professor Ziegler ist Mathematiker. Versteht er rein gar nichts von empirischer Logik? Ist ihm die chronologische Ordnung der Jahreszahlen 1943 und 1944 vollkommen fremd?

Weitere Grabungen sind geboten. Da die Spitze der Freien Universität seit Jahren mauert, die Ergebnisse und Empfehlungen ihrer Archäologen mit aberwitzigen Argumenten beiseitewischt, die Aufklärung erst verhindert hat und dann hemmungslos auf Zeit und Vergessen spielt, ist nunmehr die Politik gefordert. Als Erstes müssen die unveröffentlichten Grabungsberichte online zugänglich gemacht werden – und das auch auf Englisch. Sodann sind flächendeckende systematische Grabungen im gesamten Boden des „historisch kontaminierten Geländes“ zu veranlassen.

Politisch sind dafür der im Nebenamt als Wissenschaftssenator amtierende Michael Müller (SPD) und Kultursenator Klaus Lederer (Linke) verantwortlich. Wobei Letzterem das Landesdenkmalamt untersteht, das auch von sich aus weitere archäologische Maßnahmen veranlassen kann.