Knorr-Bremse-Konzern: Ein Traditionsbetrieb wird geschlossen

Berlin - Wenn an diesem Freitag in der Marzahner Fabrik der Knorr-Bremse AG der Aufsichtsrat des Münchener Konzerns zusammenkommt, werden Weichen gestellt. Es wird Bilanz gezogen, Strategien werden diskutiert, und in gewisser Weise wird es dabei auch um Uwe Poeggel gehen, der quasi Wand an Wand beim Tochterunternehmen Hasse & Wrede Dämpfer montiert.

Läuft es, wie bislang geplant, wird der 56-Jährige im Spätsommer, wenn  sein 40-jähriges Betriebsjubiläum ansteht, aus der Chefetage statt des Glückwunschs die Kündigung erhalten. Denn ab Oktober soll die Produktion des Unternehmens Hasse & Wrede in Marzahn komplett ins Ausland verlagert werden, die Traditionsfirma wird damit aus dem hauptstädtischen Gewerberegister verschwinden. 125 Mitarbeiter werden ihren Job verlieren.

Erste deutsch-deutsche AG

Bei der Knorr-Bremse-Tochter Hasse & Wrede, die im Eck zwischen Landsberger Allee und S-Bahntrasse S7 nach Ahrensfelde auf dem Gelände des Mutterkonzerns in Marzahn ihren Hauptsitz hat,  werden sogenannte Drehschwingungsdämpfer für Motoren hergestellt. Es sind vergleichsweise handliche Teile für Trucks von Daimler oder MAN, aber auch riesige Exemplare für Schiffsdiesel. Poeggel ist  Monteur. Dass der Betrieb demnächst  geschlossen werden soll, kam für ihn und seine Kollegen aus heiterem Himmel. Die Firma schreibe schwarze Zahlen, die Auftragslage sei gut, sagt der gelernte Zerspaner.

Beim Mutterunternehmen Knorr-Bremse in München strapaziert man in bekannter Weise „die Kosten“ zur Begründung und spricht davon, von den Kunden getrieben zu werden. Die Verlagerung der Produktion erfülle die Forderung  der Motorenhersteller nach Lokalisierung, heißt es. „Vor diesem Hintergrund und aufgrund des weiter steigenden Kostendrucks der Kunden ist der Erhalt der verbleibenden Produktion am Standort Marzahn wirtschaftlich nicht sinnvoll“, lautet die Erklärung. Es gehe um die Sicherung des weltweiten Dämpfergeschäfts von Hasse & Wrede. Vor allem sollen die Dämpfer künftig in Tschechien gefertigt werden.  Für die Mitarbeiter finde man sozialverträgliche Lösungen.

Nun ist Hasse & Wrede einer der Stammbetriebe der Berliner Industrielandschaft. 1897 wurde die Maschinenbaufabrik in Neukölln gegründet. Bald folgten Betriebe in Pankow, Britz und Wedding. Im Zweiten Weltkrieg entstand das Werk in Marzahn. 1988 hatte dann der Münchener Knorr-Bremse-Konzern, der selbst Anfang des vorigen Jahrhunderts am Ostkreuz gegründet wurde, den Berliner Traditionsbetrieb übernommen.

Maßnahme zur Stärkung Berlins?

Am Ostkreuz hat einst auch Uwe Poeggel angefangen, 1977 im damaligen Berliner Bremsenwerk begann er seine Lehre zum Zerspaner. Unmittelbar nach Mauerfall kam das nach dem Krieg enteignete Münchener Mutterunternehmen zurück, um an seinem ehemaligen Stammsitz in Ost-Berlin die erste deutsch-deutsche Aktiengesellschaft auf DDR-Territorium zu gründen.   Für Uwe Poeggel ging es weiter.

Zu Hasse & Wrede wechselte er vor mehr als 25 Jahren. Ein Vierteljahrhundert, in dem er die Erklärungen, in denen es um Arbeitnehmerbeiträge zur Sicherung des Unternehmens ging, zur Genüge erfahren hat. Poeggel gehört wie die meisten seiner Kollegen zum Belegschaftsstamm, für den der Arbeitgeber die Arbeitszeit  im Jahr 2003 zunächst von 35 auf 40 Stunden heraufsetzte. Drei Jahre später wurden es 42 Stunden. Dabei blieb der Lohn auf 35-Stunden-Niveau. „Das wurde von uns verlangt, damit Hasse & Wrede weiter in Berlin bleiben kann“, sagt der Monteur und dass der Konzern längst regelmäßig eine Marge von sieben bis acht Prozent einfahre.

Uwe Poeggel schöpft daraus eine vage Hoffnung. „Wir wollen, dass der Standort erhalten bleibt“, sagt er. Poeggel, Mitte 50, will das, weil er wie die meisten seiner Kollegen lange und gern in dem Betrieb arbeitet. Und er sagt es auch, weil er seine Chancen auf dem Arbeitsmarkt nicht sonderlich gut einschätzt. „Ich bin zwar gelernter Dreher, habe eine Qualifizierung für CNC-Maschinen gemacht, aber in den letzten 20 Jahren doch nur Dämpfer montiert.“

Das ärgert ihn. Wie er erzählt, gab es aus der Belegschaft  immer wieder Vorschläge, Neues zu versuchen. Vergeblich. Es blieb die über Jahrzehnte gepflegte Monokultur, die nach Poeggels Einschätzung endlich aufgebrochen werden könnte. Dafür müsse man aber eben mehr machen als einfach nur an der Kostenschraube zu drehen. „Manager sollten ihr Geld endlich verdienen und nicht nur abholen“, sagt er.

Dass man sich in der Münchener Konzern-Zentrale auf den Erhalt einlässt, muss aber bezweifelt werden. Denn dort hat man für die zum Sommer nächsten Jahres freigeräumte Hasse & Wrede-Fabrik längst einen Nachnutzer. Die Berliner Knorr-Bremse-Division PowerTech soll Ende 2018 mit 350 Mitarbeitern von Tegel an die Landsberger Allee ziehen. Das Werk in Marzahn soll zu einem wichtigen Standort für das Schienengeschäft mit künftig mehr als 900 Mitarbeitern ausgebaut werden. Der  Konzern möchte dies als „Maßnahme zur Stärkung des Schienenstandorts Berlin“ verstanden wissen.

IG Metal: „Steinzeitkapitalismus“

Motivierte Mitarbeiter scheinen dafür nicht nötig zu sein. Von der 350-köpfigen  PowerTech-Besatzung, die künftig in Marzahn arbeiten soll, erwartet man jedenfalls, dass sie für das gleiche Geld 42 statt 35 Stunden pro Woche und ohne Jobgarantie arbeitet. Steinzeitkapitalismus, sagt die IG Metall. Wieder wird es als Beitrag zur Konzernsanierung  deklariert, obwohl sich dessen Gewinn in den vergangenen fünf Jahren auf 645 Millionen Euro verdoppelte. Leiharbeiter und Kollegen mit befristeten Verträgen wurden mit unbefristeten Papieren geködert. Aus Aufsichtsratskreisen verlautet, dass  ein Drittel der  bestehenden Belegschaft das „unmoralische Angebot“ bereits abgelehnt habe, ein Drittel überlege noch.

Vor allem legt die Belegschaft dem Management grobe Fehler zur Last. Es sei kaum in neuen Technologien und Produkte  investiert worden, heißt es in Tegel – was sie mit den Marzahnern eint.

Dort hat die IG Metall anlässlich der Aufsichtsratssitzung zu einer Kundgebung aufgerufen.