Berlin - Wer derzeit im Hops & Barley an der Wühlischstraße einkehrt, kann auf ein Freibier hoffen. Vorausgesetzt, er kauft ein Los für einen Euro. „Jedes vierte Los gewinnt, und das Geld geht komplett an unser Projekt“, sagt Karsten Frank. Der 44-jährige Friedrichshainer ist Stammgast der Kiezkneipe Hops & Barley. Und er ist Chef des Vereins KiezGestalten. Dessen Mitglieder, allesamt aus dem Viertel rund um Wühlisch- und Seumestraße, engagieren sich für ihren Kiez. Als erstes haben sie sich einen wahren Brocken vorgenommen: Sie wollen die beiden Schmucktore am Eingang zur Knorrpromenade vor dem Verfall retten.

Eine Straße fürs Großbürgertum

Es braucht schon einige Fantasie, um in den vier Meter hohen Steinhaufen noch Schmucktore zu erkennen. Lange Risse durchziehen verrußtes Mauerwerk, etliche Teile sind abgeplatzt oder fehlen. Und doch sind die Tore an der Ecke zur Wühlischstraße etwas Besonderes: Sie sind Teil der denkmalgeschützten Knorrpromenade. Diese nur rund 160 Meter lange Promenade ist so gar nicht typisch für Friedrichshain. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde sie – mitten im damaligen Arbeiterbezirk Boxhagen – als Wohnquartier für das Großbürgertum errichtet. Alle Wohnhäuser erhielten Säulen, Erker und Rundbögen, die Fassaden wurden mit Putten und anderen Stuckelementen geschmückt. Es gibt sogar Vorgärten, was auch ungewöhnlich war.

Der Zugang zum „Reichenkiez“, in dem vor allem höhere Angestellte des nahegelegenen Unternehmens Knorr Bremse wohnten, erfolgte durch insgesamt vier Sandsteintore – jeweils zwei am oberen und unteren Ende. Während die Tore zur Krossener Straße im Krieg zerbombt wurden, stehen die zur Wühlischstraße noch. Doch sie bröckeln, dem Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg fehlt das Geld für die Sanierung. „Die Häuser ringsum sind inzwischen fast alle wieder schick, da fallen Schandflecke umso mehr auf“, sagt Karsten Frank.

Irgendwann waren die Tore das Hauptthema am Kneipentisch, wo er sich regelmäßig mit Freunden trifft. „Wir haben über Werteverfall geredet und darüber, dass es uns nicht egal sein darf, was in der Nachbarschaft passiert.“ Oder was eben nicht passiert. Und irgendwann war man sich einig: „Die Tore gehören zur Kiezgeschichte. Und wenn die Stadt kein Geld hat, müssen wir eben anpacken.“ Ein Verein wurde gegründet, der Kneipenwirt, der in der Knorrpromenade wohnt, stellte sein Hops & Barley als Anlaufpunkt zur Verfügung, und Karsten Frank wurde Chef.

Was nicht ganz zufällig war, denn Frank betreibt eine Event- und Werbeagentur, er kennt sich aus mit Aktionen. Der Mann mit dem schulterlangen dunkelblonden Haar ist ein freundlicher Jeans-Typ, er hat schon in einem Musikverlag gearbeitet und war Apotheken-Kurier. Seit gut einem Jahr entwirft er Werbe-Flyer und organisiert Firmenfeste. Seit einigen Wochen leitet er – ehrenamtlich – die Tor-Rettungs-Aktion.

Fest zum 100-jährigen Jubiläum

Aus der Nachbarschaft gibt es jede Menge Zuspruch, etliche bieten Geld und Muskelkraft an. „Wir merken, dass sich viele Menschen Gedanken machen, das freut uns“, sagt Frank. Die Los- und-Freibier-Aktion ist das erste Projekt, um den Zuspruch in bare Münze umzuwandeln. Denn die Sanierungskosten für die Tore werden auf etwa 60 000 Euro geschätzt. Doch nicht nur Anwohner, auch Firmen haben bereits Hilfen zugesagt. So will ein Grillsaucenhersteller eine „Knorrpromenadenmischung“ auf den Markt bringen. Auch ein Hauseigentümer aus der kleinen Straße hat seine Unterstützung angeboten.

Derzeit wird im Verein der Bauantrag vorbereitet, lose Steine werden auf ihre Wiederverwendbarkeit geprüft. Wann es losgeht mit der Sanierung, hängt auch vom Denkmalamt ab. Aus dem Rathaus gibt es viele lobende Worte. „Wir haben die Finanzierung leider nicht hinbekommen. Umso beeindruckender ist die Beharrlichkeit, mit der die Initiative für ihren Kiez ehrenamtlich arbeitet“, sagt Bürgermeister Franz Schulz (Grüne).

Im Jahr 2013 besteht die Knorrpromenade 100 Jahre. Was wäre schöner, meint Karsten Frank, als dann vor sanierten Toren ein kleines, feines Kulturfest zu feiern.

Informationen im Netz unter www.knorrpromenade.de