Berlin - Ich habe die DDR nie erlebt. Von der authentischen DDR-Küche habe ich daher nur eine vage Ahnung. Vor ein paar Jahren habe ich mir mal ein Kochbuch gekauft: „Die besten Rezepte der DDR.“ Darin wurde „Schnitzel mit Zigeunermasse“ und „Fruchtscheiben in Obstschaumtunke“ (selbstverständlich aus der Konserve) angepriesen, obwohl es lange nach der Wende erschien.

Waren das wirklich die Vorzeigegerichte? Gab es kein gutes Essen? Und hat sich das 28 Jahre nach der Wende nun geändert?

Diese Fragen will ich klären. Dazu habe ich mir jemanden eingeladen, der es wissen muss: Roland Albrecht. Es gibt keinen besseren Koch, um über die deutsche Küche während und nach der Mauer zu reden. Roland Albrecht war in der DDR etwas, was eigentlich nicht vorgesehen war: ein Gourmet.

Nach einer Kellner-Lehre in Apolda ging er nach Berlin und arbeitete sich zum gastronomischen Leiter im Palast der Republik hoch, wo er Honecker zwar regelmäßig seine geliebte Bockwurst servierte, er selbst aber an die beste Ware und das West-Trinkgeld kam. Devisen, die er gleich wieder in den Restaurants der Interhotels für Essen ausgab. Ebenso gern fuhr er nach Weimar in den Elefanten und nach Suhl, wo es Sushi gab.

Ziemlich authentisch

Ich habe ihn heute in die Volkskammer geschleppt, ein Restaurant, das sich rühmt, auch 28 Jahre nach der Wende wie in der DDR zu kochen. Roland Albrecht studiert die Karte: Würzfleisch mit original Dresdner Worcestersauce, Jägerschnitzel mit Spirelli, Schweinesteak-Letscho und natürlich Goldbroiler. Sein Urteil: ziemlich authentisch, auch was Geruch und Interieur angeht. „Nur die vielen Honecker-Portraits sind etwas übertrieben, so dicke aufgetragen war es dann doch nicht.“

Ich hatte erwartet, nur Touristen vorzufinden, die nach der Trabbi-Tour hier einkehren, doch einige Tische sind mit älteren Damen besetzt, die hier wohl regelmäßig zu Mittag essen. Albrecht hat sich als Vorspeise das Würzfleisch bestellt. Original sagt er, werde es aus 1/3 Huhn, 1/3 Innereien und 1/3 Kalb hergestellt. Er selbst ist ein begnadeter Koch, von 1999 bis 2014 führte er das Restaurant Zander in der Kollwitzstraße. In der DDR wurde das Würzfleisch meist einfach mit Schwein gemacht, so auch jetzt hier in der Volkskammer. Immerhin sind die Dosenchampignon durch echte ersetzt.

Masse statt Klasse

Vermisst, sagt er, habe er das Gericht aber nicht. Seine Frau hat damals nicht weit vom Palast im Espresso gearbeitet. „Am Tag haben sie einen Zentner Würzfleisch und 100 Liter Soljanka verkauft“. Masse statt Klasse – das galt definitiv in der DDR. Mit Preisstufe 3 ist die Karte der Volkskammer gekennzeichnet – das bedeutete damals mittlere Preiskategorie.

Hatten die Leute nichts für gutes Essen übrig? Albrecht sieht das so: Es war eine andere Politik. Jeder sollte sich Essengehen leisten können. Und wer mehr wollte, musste wie er bereit sein, viel Geld zu lassen – in den Restaurants der Sonderklasse S, wo es durchaus mal Hummer oder Langusten auf kubanische Art gab.

Die Leute sind knausrig

Doch wissen die Ostdeutschen nun gutes Essen zu schätzen? Inzwischen sind wir beim Hauptgericht. Er stochert im Jagdwurstgulasch auf Ketchupbasis – ich stochere im Falschen Hasen, einem Hackbraten mit weichen Dosenkarotten und Erbsen. Es lohnt nicht, darüber viele Worte zu verlieren.

„Leider nein“, sagt er. Aber das betreffe Ost und West. Die Mehrheit der Deutschen wolle einfach nicht viel für Essen ausgeben. Albrecht richtet heute neben seiner Kantine, die er betreibt, viele Caterings aus. Und die Leute seien knausrig, gleich, woher sie kommen. „Sie wollen Mozzarella, Schnitzelchen und Burger. Mit Kutteln, Leber oder Sülze vertreibst du alle“, sagt Albrecht. Insofern waren sie in der DDR sogar experimentierfreudiger. In der Volkskammer steht das alles auf der Karte.