Die Eröffnungsfeier war männlich dominiert. 52 Ehrengäste standen auf der Liste, als vor 100 Jahren das Königliche Kammergericht eingeweiht wurde. Geheimräte, Oberjustizräte, Direktoren, Gerichtspräsidenten, unter ihnen war nicht eine einzige Frau. Begleitet von Trompeten und Posaunen übergab am 18. September 1913 der preußische Justizminister das neue Dienstgebäude im Kleistpark an Kammergerichtspräsident Wilhelm Heinroth. Der ist gleich noch zum Geheimrat befördert worden und hat im Haus eine 16-Zimmer-Wohnung mit Festsalon, Musik- und Kaminzimmer bezogen.

Dienst im Kaminzimmer

100 Jahre später ist Heinroth dort immer noch präsent, mit Fliege, Weste und Kaiserbart. Im Kaminzimmer hängt sein Porträt an der Wand. Es ist wertvoll, Max Liebermann hat es gemalt. Das Kaminzimmer ist heute das Dienstzimmer von Monika Nöhre, seit 2002 Präsidentin des Kammergerichts, das Berlins oberstes Gericht für Straf- und Zivilsachen ist. Jeden Tag finden in den Sälen Dutzende Verhandlungen statt. Das Gericht ist unter anderem für Beschwerden zuständig, für Berufungen und bestimmte Revisionen. Die 144 Richter können Urteile und Beschlüsse aufheben und verhandeln auch in politischen Strafsachen gegen mutmaßliche Spione und Terroristen.

Vor Monika Nöhre liegt ein rotes Büchlein aus einem Antiquariat auf dem Tisch, „Frau Irmgards Enttäuschungen“. Den Roman hat Heinroths Ehefrau Elisabeth geschrieben, unter dem Pseudonym Klaus Rittland. „Nicht mal unter ihrem eigenen Namen durfte sie veröffentlichen“, sagt Nöhre. Gern würde sie mehr über die damalige Zeit am Kammergericht erfahren, darüber, ob dort auch Frauen für die Justiz tätig waren. Aber es gibt kaum Unterlagen. Zu viel ist verloren gegangen. Denn das Haus in der Schöneberger Elßholzstraße wurde wie kaum ein anderes in der Stadt durch Höhen und Tiefen deutscher Geschichte geprägt.

Der Große Plenarsaal zum Beispiel ist an den meisten Tagen verschlossen. Dabei ist er ein stattlicher Saal, mit Gemälden an der Decke und einem Balkon, der einst für den Kaiser gebaut wurde. Im Plenarsaal darf heute aber nur noch der Berliner Verfassungsgerichtshof tagen, weil der Raum für ein sehr düsteres Kapitel steht.

Zwischen August 1944 und Anfang 1945 hat dort der Volksgerichtshofs gegen die Verschwörer vom 20. Juli 1944 getagt, zahlreiche Todesurteile waren im Saal gegen die Männer des Attentats gegen Hitler ergangen und wurden meist am gleichen Tag in Plötzensee vollstreckt. Im Oktober 1945 begann im selben Saal das Verfahren des Interalliierten Militärgerichtshofes gegen 24 Hauptkriegsverbrecher. Die Hauptankläger der Besatzungsmächte übergaben dem Gerichtshof die Anklageschriften. Die Prozesse selbst fanden dann im Nürnberger Justizpalast statt.

Nach 1945 war das Haus am Kleistpark Sitz des Alliierten Kontrollrats, das Kammergericht residierte bis 1997 in der Witzlebenstraße. Anfang 1954 konferierten hier die Außenminister der USA, Großbritanniens, Frankreichs und der UdSSR über die Zukunft Deutschlands. Sie saßen an dem Holztisch, an dem heute auch die Verfassungsrichter Platz nehmen.

Viele Akten verschollen

Gut 17 Jahre später, im September 1971, wurde dort das Vier-Mächte-Abkommen unterschrieben, das für die West-Berliner eine Menge Erleichterungen für den Transit- und Telefonverkehr brachte: Kein Aussteigen mehr an der innerdeutschen Grenze, keine Durchsuchungen; es gab ab sofort eine Besuchsregelung für den Osten. Das Abkommen war der Wendepunkt vom Kalten Krieg zur Entspannung. Man kann auch sagen, dass im Plenarsaal des Kammergerichts der Anfang vom Ende der deutschen Teilung gemacht worden war.

Zu dieser Zeit wurden im Haus nur noch wenige Räume genutzt. Durch den Auszug der Sowjets 1948 war der Kontrollrat arbeitsunfähig geworden, aber die Alliierte Luftsicherheitszentrale blieb bis 1992 bestehen. Mehr oder weniger einträglich haben dort US-amerikanische, britische, französische und sowjetische Soldaten den Luftraum über Berlin überwacht. Sie nutzten gerade mal 20 der 540 Räume.

Wenig ist von den Alliierten geblieben. Unter dem Dach sind noch die Umrisse von kleinen Buchten erhalten, in denen die Soldaten Schweine hielten, um sich in der kargen Zeit zu ernähren. Unten in der großen Eingangshalle zeigt eine Uhr mit einem Seepferdchen als Zeiger die Zeit an. Die Amerikaner haben das Seepferdchen eingebaut, weil die erste Pioniereinheit, die nach dem Krieg in das Haus kam, das Tier als Talisman hatte.

Viele Akten gelten zwar als verschollen, aber ein besonderer Schatz wurde wiedergefunden. 120.000 historische Bücher waren nach dem Krieg verschwunden. Sie sind nach der Wende in einer Scheune in Brandenburg aufgetaucht. Bedauerlicherweise sind sie durch Schimmel unlesbar geworden. Die DDR-Staatsbibliothek hatte sie ausgelagert und anschließend vergessen. Mit 340.000 Euro aus Lottomitteln konnten die Bücher restauriert werden, jetzt wird der Bestand gesichtet. „Wir wissen noch nicht, was wir alles haben“, sagt Bibliothekarin Gabriele Hoffmann. Das bislang älteste Buch ist eine Gerichtsordnung aus dem Jahre 1533. „Wir leihen diese Bücher nur an Wissenschaftler aus.“

Zum 100-jährigen Bestehen des Kammergerichtsgebäudes soll es wieder einen Festakt geben. Mit feierlichen Ansprachen, einem Harfenspiel und vielen Ehrengästen. Diesmal sind das bei weitem nicht nur Männer. Von den 1315 Berliner Richtern sind heute mehr als die Hälfte Frauen. Und außer dem Kammergericht werden auch das Verwaltungsgericht, das Sozialgericht und sechs Amtsgerichte von Frauen geleitet.