Auch nach dem Ende der großen Fotoausstellung im Rathaus Köpenick geht die Debatte um abgehängte Bilder, um Demokratie und die Freiheit der Kunst weiter. Das Verständnis für die Entscheidung des Kulturamtes und des zuständigen Stadtrates, zwei Aktfotos aus der Schau, zu der insgesamt gut 300 Arbeiten gehörten, zu entfernen, hält sich in sehr engen Grenzen.

Die beiden Fotos waren drei Wochen nach Ausstellungseröffnung, abgehängt worden. Kulturstadtrat Michael Vogel (CDU) begründete dies mit Beschwerden von Mitarbeitern und Besuchern. Und mit einer möglichen Verletzung religiöser Gefühle von Migranten, die das Rathaus aufsuchten.

„Ich mache mir Sorgen um den Ruf Köpenicks, das ich als toleranten Ort kannte“, sagte Edwin Hoffmann, ein ehemaliger Mitarbeiter im Rathaus. Am Donnerstagabend war er eigens zur BVV gekommen, um dort öffentlich sein Unverständnis zu äußern. Der Stadtrat, der die politische Verantwortung trage, wisse offensichtlich nicht, worum es eigentlich gehe: „Um die Freiheit der Kunst und um Zensur, egal, in welcher Form.“

Etliche Bezirksverordnete äußerten sich ähnlich. Sie könne nicht nachvollziehen, sagte die Linken-Politikerin Anja Stantien, was an den beiden Aktfotos zu bemängeln sei. „Sie sind weder pornografisch noch stellen sie eine Herabwürdigung von wem auch immer dar.“ Gerade in der heutigen Zeit, in der die Meinungs- und Kunstfreiheit im Fokus vieler Debatten stehe, habe sie nicht geglaubt, dass so etwas möglich sei. Der Bezirk habe immateriellen Schaden genommen, darin waren sich alle Kritiker einig.

Stadtrat Vogel räumte diesen Schaden zwar ein – aber er wusste auch gleich, wer daran schuld ist: die Medien. In der Berichterstattung über die Vorfälle im Rathaus, so verteidigte er sich, sei immer der Satz zitiert worden, „auch Menschen mit Migrationshintergrund“ könnten sich verletzt fühlen.

Dies aber steht genauso in dem Schreiben, mit dem das Kulturamt das Abhängen der Fotos begründet und das der Berliner Zeitung vorliegt. Neben der Begründung, das Rathaus sei ein Dienstgebäude, das in erster Linie wegen der Erledigung von Amtsgeschäften aufgesucht werde, heißt es dort: „Darüber hinaus kommen viele Menschen mit Migrationshintergrund in das Rathaus (z.B. wegen Einbürgerung), deren religiöse Gefühle durch Aktfotos nicht verletzt werden sollten.“ Vogel, der von sich selbst sagt, als gelernter Kfz-Schlosser maße er sich kein Urteil über Kunst an, konterte: „Wer mir vorwirft, ich würde Zensur betreiben und damit gegen Artikel Fünf des Grundgesetzes verstoßen, antworte ich mit Artikel Eins – die Würde des Menschen ist unantastbar.“ Dies gelte auch für die Würde der Mitarbeiter des Rathauses, die nicht gezwungen werden dürften, Aktbilder anzusehen.

Schon 2010 gab es einen ähnlichen Eklat mit Aktfotos im Köpenicker Rathaus. Damals beschloss die BVV, bei Ausstellungen dürfe es keine politische Zensur geben. Stadtrat Michael Vogel, von seiner Partei gerade zum Spitzenkandidaten für die BVV-Wahl im September benannt, widersprach: Nach intensiver Prüfung habe man 2014 entschieden, dass ein Rathaus kein geeigneter Ort für Aktfotos sei. Die Anpassung eines Genres an einen Ausstellungsort sei keine Zensur.