Ein Flugzeug landet in Berlin-Tegel.
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BerlinÜber die Feiertage flogen wir nach England zur Familie. Ich war lange nicht geflogen, einiges hatte sich in Tegel verändert. Es gibt zum Beispiel bei bestimmten Linien kein Personal mehr, das beim Check-in hilft, also fragt, ob man den Koffer selbst gepackt hat, Pässe kontrolliert, Bänder und Boarding-Karten ausdruckt. Das macht man alles selbst. „Auto Bag Drop“ heißt das auf Englisch. Das klingt nach Automatik, nach Autonomie, nach mehr Freiheit.

In Tegel vor Weihnachten sah die Autonomie in der Easyjet-Abflughalle eher aus wie eine moderne Folteranstalt: Gefühlt Tausende Passagiere drängelten sich um die wenigen Computer, mit rot erhitzten Gesichtern, in der einen Hand das Smartphones mit den Boarding-Karten, an der anderen eine Tasche, dazu Berge von Koffern, Kinder, Buggys. 100 Minuten bis Abflug. Durch die Abflughalle eine lange Schlange für die Sicherheitskontrolle. Mein Mann fing an, bei den zwei Kindersitzen fürs Auto kamen wir nicht weiter. Man brauchte einen Spezial-Code. Ich suchte nach Hilfe, während ich meine Tochter im Blick behielt, die versuchte, aufs Gepäckband zu klettern. 

Verzweifelte Passagiere

Das Personal trug gelbe Westen. Ich sah aber keine gelben Westen. Dann entdeckte ich eine kleine dunkelhaarige Frau, die Rentnern half. Sie sah mich, mein panisches Gesicht und nickte beruhigend: „Bin gleich bei Ihnen.“ Sie bahnte sich langsam den Weg, immer wieder unterbrochen von verzweifelten Passagieren. Als sie endlich bei uns war, wurde unser Flug aufgerufen. Sie druckte die Aufkleber für das Gepäck auf, und schickte uns wegen der Zeit zum Sperrgepäckschalter, dort werde man all unser Gepäck annehmen. 

Dort stand ein dicker Mann in Uniform. Auch die Koffer solle er aufnehmen? Davon er wisse er nichts, da müsse er fragen. Der Dicke verschwand. Die Zeit verging. Ich wurde nervös, ich verfluchte unsere Entscheidung, Weihnachten mit den englischen Großeltern zu verbringen, ich verfluchte den niemals fertig werdenden BER, Computer, Globalisierung und Klaus Wowereit. Ich fühlte mich alt. Nach einer Weile kam der Dicke zurück und sagte: „Sie müssen zurück zum Check-in“. Wir rannten, so schnell wie man mit zwei kleinen Kindern, drei Koffern, zwei Rucksäcken und zwei Kindersitzen rennen kann. 

Brexit, und zwar sofort

In der Menge erkannte uns die Frau mit der Weste wieder, sie half uns noch mal. Als wir in unserem Flugzeug saßen, war ich um Jahre gealtert. Aber wir saßen drin. Als ich in London-Gatwick mein Handy anschaltete, wartete die nächste Überraschung. „Gatwick ist überflutet, ihr müsst mal gucken, wie ihr zu uns kommt“, schrieb Cousine Lizzie. Mein Blutdruck stieg, ich googelte sofort „Gatwick, floods“ und kam auf eine Meldung der Sun: „Weihnachts-Reise-Hölle für Millionen Reisende, Autobahnen und Straßen gesperrt“. Dazu Bilder von überfluteten Dörfern und Staus.

Ich erinnerte mich , dass es in England häufiger zu Weihnachten zu Überflutungen kam. Panik machte sich breit. Ich schaute meinen Mann an. War er nicht an allem schuld? Ich wollte den Brexit, meinen persönlichen Brexit. Scheidung, und zwar sofort. Mein Mann sagte, was er immer sagt: „Erst mal abwarten.“

Eine Stunde später saßen wir im Mietwagen auf der Autobahn, der Verkehr floss dahin, die Sperrungen waren längst aufgehoben. „Guck mal, ein Regenbogen“, sagte mein Sohn. Das war fast zu kitschig, um wahr zu sein. Aber es war so.