Einmal pro Woche treffen meine Freundin Joana und ich uns in einer kleinen verrauchten Bar am Mehringdamm, um uns gemeinsam mit den anderen Gästen Heidi Klums Castingshow „Germanys Next Topmodel“ anzuschauen. Während die Sendung auf einer großen Leinwand läuft, gibt Jurassica Parka, eine stadtbekannte Transe, ihre zynischen Kommentare zu der öffentlichen Demütigung der Nachwuchsmodelle ab. Als Tradition bezeichnen Joana und ich diese Abende nur, weil sie zwar beim besten Willen nicht als Kulturveranstaltung durchgehen, wir aber andererseits sonst auch keinen moralisch vertretbaren Grund finden, uns Woche für Woche an dieser recht sinnlosen Realityshow zu ergötzen.

Nennen wir es also Tradition: Wir tun es, weil wir es schon immer tun. Unsere neue Tradition folgt inzwischen auch schon einem sehr komplexen Muster. Während der Barkeeper darüber Buch führt, wie oft Heidi Klum irgendein Mädchen „wow-wow-wow“ oder „supertoll“ findet, trinken Joana und ich uns noch vor dem ersten Werbeblock mit Gin Tonic auf das Niveau der Sendung herunter.

Recht bald philosophieren wir dann darüber, was Heidi Klum sich wohl unter so vagen Begriffen wie „personality“ und „attitude“ vorstellen mag oder welche Charaktereigenschaften man jetzt besser mit platinblonder oder karamellbrauner Haarfarbe unterstreicht. Wir überlegen gemeinsam, ob wir eher „commercial“- oder doch vielleicht „editorial“-Typen wären, einigen uns aber schließlich auf Letzteres, denn meine Nase ist eindeutig nicht „commercial“ und Joanas Ohren halt auch nicht. Ist aber eigentlich auch egal, denn wir sind schon ganz schön betrunken.
Irgendwann ist unser Fernseh-Abend vorbei, unter Tränen verlässt irgendein Nachwuchsmodel die Sendung. Wir wundern uns, denn wir fanden, die hatte total Potenzial, aber halt vielleicht nicht genug „personality“ – Heidi wird’s schon wissen. Wir bleiben noch ein Weilchen sitzen, rauchen noch ein paar Zigaretten und lassen gemeinsam, wie nach einer guten Theatervorstellung, das Gesehene Revue passieren.

Kurz nach Mitternacht verlassen wir ziemlich betrunken die Bar und stehen auf dem menschenleeren Mehringdamm, wir wohnen beide in fußläufiger Entfernung. Perfekt also, um unseren „Walk“ zu üben.