Berlin - Seit ich in Berlin lebe, bin ich schon mindestens zwanzig Mal mit er U-Bahn von meiner Wohnung in Kreuzberg zur Berliner Zeitung am Alexanderplatz gefahren. Und mindestens halb so oft habe ich mich auf dem Weg zum U-Bahnhof verlaufen.
Das passiert, weil ich so in Gedanken versunken bin, während ich durch die Stadt laufe. Ich passe nicht mehr auf den Weg auf, weil ich zum Beispiel auf die schönen Altbauten achte. Solche Häuser, wie ich sie in Kreuzberg oder Mitte sehe, gibt es in Brasilien nur wenige, und wenn, dann sind sie nicht so gut saniert.

Auch Blumenläden oder der Landwehrkanal lenken mich ab. Natur verzaubert mich auch. Ich habe erst gemerkt, dass ich die U-Bahn Station verpasst habe, als ich schon drei Blocks von ihr entfernt war – also bin ich gleich an der nächsten Station eingestiegen, das war näher.

Irgendwie komme ich aber immer ans Ziel. Und in der Redaktion ist auch die Aussicht wunderbar. Ein Verhängnis an Tagen wie diesen, wenn der Bildschirm noch leer ist. Die Stadt durch die Fenster aus dem 14. Stock zu betrachten, kann inspirierend sein. Aber fast immer führen die Gedanken weiter: Was für eine Stadt ist das eigentlich? Wie viele Dinge versteckt sie, die ich noch nicht kenne? Und wie lange wird es dauern, bis ich alles, was die Stadt zu bieten hat, erlebt habe?

Vor ein paar Tagen, als ich über diese Dinge nachdachte, erschien eine E-Mail in meinem Posteingang. Eine Kollegin aus Hamburg schickte mir Informationen über die unterirdische Welt von Berlin. Wieso hatte ich noch nicht an den Untergrund von Berlin gedacht? Ich ging auf die Website des Vereins "Berliner Unterwelten" und entdeckte, dass dort Touren durch Bunker, Tunnel, eine alte Brauerei und vieles mehr angeboten werden.

Ich entschied mich für die Führung "Dunkle Welten", bei der es vor allem um den Zweiten Weltkrieg geht. Los ging es mit einer Gruppe von etwa 30 Personen am U-Bahnhof Gesundbrunnen in Wedding. Ich bin dort schon ein paar Mal gewesen, aber damals konnte ich mir nicht vorstellen, was dort unten alles liegt.

Die Tour (ein Ticket kostet zehn Euro; ermäßigt acht Euro) beginnt an einer Tür im U-Bahnhof, die ich dort nie vermutet hätte - sie ist diskret und befindet sich zwischen zwei Treppen. Dahinter geht es 90 Minuten lang weiter durch einen Luftschutzraum - um einen Bunker handelt es sich dabei nicht, weil er nicht ganz sicher gegen Bomben ist. Trotzdem wurden aus Platzmangel in den Nächten der Luftangriffe Hunderte hier untergebracht.

Es gibt 48 Zimmer auf vier Etagen (eine ist ungefähr drei Meter hoch). Sie konnten etwas mehr als 870 Menschen Schutz bieten, während die Bomben auf Berlin fielen. Tatsächlich flüchteten sich bis zu 3000 Menschen in die engen Räume.

Vieles, was einmal war, ist jetzt nicht mehr da. Die Badezimmer etwa haben nicht mehr die Original-Toiletten - sie wurden von Familien genommen, die während der Bombardierung alles verloren hatten, erklärt der Tour-Guide. Obwohl sich der Ort so im Laufe der Jahre geändert hat, bekommt man noch immer ein beklommenes Gefühl, wenn man heute durch die Räume geht.

Was mich am meisten beeindruckt hat, war die Vorstellung, wie bestimmt das Leben damals von Angst war - und wie so die unterirdischen Luftschutzräume für viele Familien zum Wohnzimmer wurden. Um die Kinder zu lehren, wie man sich bei einem Luftangriff verhält, wurden pädagogische Brettspiele erstellt. In der Stadt standen Straßenschilder, um den Weg zum nächstgelegenen Luftschutzraum zu weisen. Und wenn die Berliner damals abends ausgingen, hatten sie immer einen Koffer mit allen wichtigen Dokumenten der Familie dabei. So sollten zumindest die Erinnerungen überleben, wenn ihr Haus zerstört wurde.

Das schwache Licht, die feuchte Luft, der Lärm, und die wackelnden Wände durch die passierenden U-Bahnen machen den Ort noch unheimlicher - das passt jedoch gut zur Stimmung, in die einen dieses Stück Berliner Geschichte versetzt. Noch heute kann man dort unten spüren, wie unangenehm es gewesen sein muss, in die engen Räume der Bunkeranlage eingezwängt zu sein – und in der Ferne das Dröhnen der Bomber am Himmel zu hören.

Mir, die nur ein paar Lektionen zum Zweiten Weltkrieg in der Schule hatte, fiel es immer schwer, mir vorzustellen, wie es war, in dieser Zeit zu leben. Die 90 Minuten der Führung sind deswegen immer noch zu wenig, um alles darüber zu verstehen. Aber genug, um den Satz des spanischen Philosophen Santayanna zu begreifen, der auf einem Brett über der Tür zum Luftschutzraum steht: „Wer die Vergangenheit nicht kennt, ist dazu verurteilt, sie zu wiederholen“.

Wie lange wird es dauern, bis ich alles, was die Stadt zu bieten hat, erlebt habe? Es wird unendlich lang dauern.