Am Samstagnachmittag ging ich auf dem Tempelhofer Flugfeld spazieren. Ziellos glitt der Blick über die Leere, verlor sich an der Autobahn und fand auch an Hermann Görings klotzig-ödem Monumentalbau keinen Halt.

Es war zugig. Am Himmel standen 17 Drachen, ein Modellflugzeug schwirrte umher, einige Inlineskater vergnügten sich. Kinder sah ich wenige, selten fremdländisch aussehende Berliner. Es dominierten mittelalterliche, echt germanischstämmige Paare in gehobener Allwetterkluft. Großzügig zählte ich rund 800 Leute auf dem Areal. Nehmen wir 1 000, die dort im Sinne von Angela Merkel mehr frische Luft wagten, dann kam an diesem wunderschönen Tag ein Erholungssuchender auf üppige 3000 Quadratmeter. (Das Feld umfasst 300 Hektar, umgerechnet drei Millionen Quadratmeter.)

Es gibt keinen Grund, eine selbstsüchtige, auf das querulatorische Potenzial der Stadt spekulierende Initiative zu unterstützen, die das ehemalige Flugfeld so lassen will, wie es ist. Die Absicht des Senats, weniger als zehn Prozent am Rand zu bebauen und die windige Ebene vorsichtig zu strukturieren, an einigen Stellen Bäume zu pflanzen, Spielplätze und einen Regenwassersee anzulegen, leuchtet den meisten ein, die einmal dort gewesen sind.

Die Berliner Grünen, mittlerweile berüchtigt wegen ihres verantwortungsfaulen und menschenfeindlichen Herrschaftsregimes in Friedrichshain-Kreuzberg, demonstrierten ihr Nichtinteresse an der humanen Erneuerung Berlins, als sie den Vereinsmeiern „100 Prozent Tempelhofer Feld“ dieser Tage gratulierten. Von allen guten Geistern verlassen, erklärten sie zu den Plänen der Bauverwaltung für das Gelände: „Der rot-schwarze Senat kommt mit seinem Versuch nicht durch, den Berlinern ein weiteres Großprojekt von oben aufzuzwingen.“

Mit dem Wort Großprojekt schmähen die Grünen auch den Plan, in einer Ecke des Flugfelds (verkehrsgünstig am S- und U-Bahnhof Tempelhof) den unbedingt erforderlichen Neubau für die Zentral- und Landesbibliothek zu errichten.

Die noch immer in Ost und West gespaltene, auf zig Standorte verstreute Bibliothek mit ihren so vielschichtigen Beständen benötigt dieses Haus dringend. Aber die im Schnitt wohlhabenden, gut ausgebildeten Grünen schwadronieren von einem „Prestigeobjekt“, populistisch eifernd behaupten sie, Berlin brauche keine „Klaus-Wowereit-Gedächtnisbibliothek“, wer sie wolle, verzichte auf bessere Krankenhäuser und Brücken. Da vertraue ich Klaus Wowereit, der in einfachen Verhältnissen mit vier Geschwistern aufwuchs und die Nöte des sozialen Aufstiegs kennt. Gerade die neu zuwanderenden Berliner und alle diejenigen, die ihre soziale Lage verbessern wollen, brauchen offene Bildungsangebote.

Nach dem Spaziergang über das Flugfeld fuhr ich in den neuen Park am Gleisdreieck. Er zeigt, was der Berliner Senat leisten kann: belebte Spielplätze, Fahrradstraßen, türkische und deutsche Familien, gemischtnationale Gruppierungen Jugendlicher. Hier tobte das Leben auf deutlich engerem, aber wohldurchdacht gestaltetem Raum. Nicht Distanz, sondern gut überlegte Verdichtung erhöht die soziale Intelligenz, vereinfacht das Miteinander in einer sich ständig verändernden Großstadt.