Kolumne: Babys sind Freundschaftskiller

Wenn man ein Kind bekommt, zumal das erste, ist es ein wenig so, als würde man in ein neues Land ziehen, mit neuen Regeln, einem neuen Rhythmus. Dinge, die vorher wichtig waren, verlieren ihre Bedeutung. Andere, banale Fragen werden groß, trinkt das Kind zu wenig, trinkt das Kind zu viel, schläft es zu viel, schläft es zu wenig? Werde ich jemals wieder ein Essen beenden können, ohne fünfmal unterbrochen zu werden? Für kinderlose Freunde ist es nahezu unmöglich, den Alltag mit Kleinkindern nachzuempfinden, auch wenn sie sich noch so bemühen.

Es geht damit los, dass man keinen Termin für ein Treffen findet. Seit Monaten versuche ich, mich mit einer Freundin zu verabreden. Wir kennen uns seit über fünfzehn Jahren, ich war dabei, als sie die schlimme Zeit mit Halslos-Olli hatte, sie kam täglich vorbei, als ich nach einer Blinddarm-OP flach lag. Früher sahen wir uns mehrmals im Monat, telefonierten regelmäßig.

Dann bekam ich ein Kind, dann noch eins, sie blieb kinderlos. Inzwischen gleicht unser Beziehungszustand dem Facebook-Status, it’s complicated. Wir schreiben uns, versuchen uns zu verabreden, aber unsere Nachrichten klingen so, als ginge es unterschwellig darum, einander zu beweisen, wer von uns das schwierigere, das anstrengendere Leben hat. Wann ging das los, das Aufrechnen, das Vergleichen?

Tagsüber kann sie schlecht, wegen der Arbeit, abends kann ich schlecht, weil ich oft zu müde bin. Nach mehreren Mails finden wir einen Termin. Erst sage ich ab, weil eines der Kinder krank war. Das nächste Treffen sagt sie ab, wegen der Arbeit. Das dritte auch. Sie klagt über den Job, den Stress. Sie müsse ein Projekt beenden, bevor sie nach Kalifornien reise. Ich erwische mich bei dem Gedanken, dass ich auch gern nach Kalifornien fliegen würde.

Kinderlos und ahnungslos

Ich merke, dass ich es schwerer ertrage, wenn kinderlose Frauen über ihre Belastungen klagen. Ich will sie am liebsten bei uns zu Hause festbinden, ich möchte, dass sie 24 Stunden erleben, wie das ist, wenn zwei kleine Kinder an einem zerren und man nebenher noch versucht zu arbeiten, wie die Zeit zerbröselt, ohne dass man genau sagen kann, was man gemacht hat. Doch während ich darüber nachdenke, fällt mir ein, dass ich selber ahnungslos war, bevor ich ein Kind bekam.

Ich fragte mich auch, was diese Mütter wohl den ganzen Tag machten. Vielleicht geht es uns, meiner Freundin und mir, wie dem Wanderer im berühmten Gedicht „The Road Not Taken“ von Robert Frost. Er steht an einer Kreuzung und muss sich entscheiden, zwei Straßen, und er weiß schon, wenn er sich entschieden hat, wird es kein Zurück geben, „und das war der ganze Unterschied“. Es ist vielleicht die Endgültigkeit, die zum Vergleichen, zum Aufrechnen führt. Kinder-Haben oder keine Kinder-Haben – das ist eine der wenigen Entscheidungen, die sich nicht mehr ändern lassen. Also schielt jeder dauernd auf das, was er womöglich verpasst hat. Die andere Straße.

Unsere Wege, so scheint es, trennen sich, ohne dass es eine Brücke gibt. Muss das so sein?

Werdenden Müttern und Vätern werden Geburtsvorbereitungskurse angeboten. Für kinderlose Freunde sollte es vielleicht auch Kurse geben, die ihnen helfen, den anderen Weg im Blick zu halten.