Berlin - Liebe Yael,

ich sitze in meiner leeren Wohnung im Prenzlauer Berg und weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Sonntag ziehen wir nach Tel Aviv, unsere Sachen wurden vor einer Woche abgeholt, sie sind jetzt am Hafen, vielleicht auch schon auf dem Schiff. Alles, was ich noch hier habe, passt in einen Koffer. Zwei Hosen, zwei Pullover, zwei Paar Stiefel, zwei Röcke, zwei Shirts, ein Badeanzug. Wintersachen für Berlin, Sommersachen für Tel Aviv. In Berlin hat es gerade noch geschneit, in Tel Aviv sind es 33 Grad, wenn wir ankommen.

Am Sonntag habe ich mich von der Familie verabschiedet, gestern von meinen Kollegen. Alle fragen, ob ich mich freue. Ich sage: Ja, schon, und denke, dass freuen das falsche Wort ist. Ich fahre ja nicht einfach für zwei Wochen in den Urlaub, ich werde dort leben und arbeiten, und habe keine Ahnung, was das bedeutet.

Die größte Schnapsidee aller Zeiten?

Als mein Mann und ich im Oktober dort waren, um ein Gefühl für das Leben zu bekommen, wollte ich gleich wieder abreisen. Wir sind nachmittags gelandet, sind mit dem Taxi zum Airbnb-Apartment gefahren, das sich, so stand es in der Beschreibung, in einem wunderschönen Bauhaus-Gebäude in einem der angesagtesten Viertel Tel Avivs befand. In der Beschreibung stand nicht, dass das Apartment im Keller lag und praktisch kein Licht von außen reinkam.

Wir sind schnell rausgegangen, auf die Straßen, wir hatten Hunger und suchten uns ein Restaurant. Das machte die Sache nicht besser. Das Restaurant war voll, das Essen gut, aber wir fühlten uns ausgeschlossen. Alle um uns herum sprachen Hebräisch, nur wir nicht. Es ist nicht so, das wir das nicht vorher wussten.

Aber in dem Moment, als wir da saßen, zwei Deutsche in Tel Aviv, die nicht verstehen, worüber sich das Paar am Nachbartisch streitet, dachte ich: Das ist die größte Schnapsidee aller Zeiten. Ich sagte zu meinem Mann, ich kann das nicht, ich schaffe das nicht. Er sagte, wir gehen erstmal schlafen und sehen dann weiter.

Fast keine Zweifel mehr

Am nächsten Morgen schien die Sonne, das Kellerapartment in Tel Aviv war lichtdurchfluteter als unsere Berliner Dachgeschosswohnung zu dieser Jahreszeit. Wir setzten uns in ein Straßencafé und tranken Cappuccino, um uns herum wurde Hebräisch gesprochen, aber auch Französisch und Englisch.

Die Straßen waren voll, die Autos hupten, die Leute rannten, telefonierten, tippten auf ihren Handys, selbst am Strand lag niemand einfach nur auf der Decke und sonnte sich. Alle waren in Bewegung. Wir schienen die Einzigen zu sein, die Zeit hatten, die einfach nur so durch die Stadt liefen, und irgendwie ging die Energie der Menschen auf uns über, sie steckte uns an.

Als wir zurück nach Berlin flogen, hatten wir keine Zweifel mehr. Nun ja, fast keine Zweifel. Ich sitze in der leeren Küche, die Sonne scheint durch die Fenster, und ich denke daran, wie schön Berlin ist. Die Stadt wird mir fehlen, meine Freunde, meine Familie, meine Kollegen, die schnippische Bäckersfrau, der mürrische Busfahrer.

Eine Tel Aviver Familie in Berlin

Auch du wirst mir fehlen, Yael, obwohl wir uns noch gar nicht lange kennen. Wir haben uns über eins dieser Nachbarschaftsnetzwerke kennengelernt. Im Internet. Ich habe gesehen, dass ihr genau gegenüber wohnt und gefragt, ob wir uns mal treffen wollen.

„Sehr gerne“, hast du geantwortet. Ihr wart bei uns zu Besuch, wir bei euch, ich habe deine Eltern kennengelernt, deine Mutter, eine Architektin, die uns gleich ihre Hilfe angeboten hat, und deinen Vater, der erzählt hat, dass er aus Jaffa kommt, dem Viertel, in das wir ziehen werden.

Von meinem Wohnzimmerfenster aus kann ich in dein Wohnzimmer gucken. Ich sehe, wie dein Mann, Aron, telefoniert, wie du auf dem Balkon rauchst, wie deine Kinder auf dem Teppich spielen. Eine ganz normale Tel Aviver Familie in Berlin! Wer hätte das gedacht! Dass Menschen wie du diese graue kalte Stadt mit ihrer schrecklichen Geschichte ihrer sonnigen, warmen Heimat vorziehen.

Warum bist du weggegangen?

Du hast mir gesagt, ihr habt es nicht mehr ausgehalten in Tel Aviv, diese ständige Anspannung, die Angst, dass wieder etwas passiert. Aber so richtig verstehe ich es immer noch nicht. Tel Aviv ist deine Heimat und Terroranschläge gibt es auch hier.

Warum bist du weggegangen? Erklär es mir! Schreib mir, wie es für dich war, Abschied zu nehmen und wie du in Berlin angekommen bist. Ob du hier angekommen bist. Ich freue mich auf deine Mail. Sie wird mich, wenn alles gut geht, bereits in Tel Aviv erreichen.

Deine Anja