Große Vorsätze für 2023: Was ist zu viel des Guten?

Mehr Joggen, weniger Alkohol, keine Zigaretten. Nun ist wieder die Zeit der großen Pläne. Unser Kolumnist denkt, dass die Leute lieber klein anfangen sollten.

Feuerwerk über Berlin: Nach der Silvesterparty beginnt die Zeit der großen Vorsätze fürs neue Jahr.
Feuerwerk über Berlin: Nach der Silvesterparty beginnt die Zeit der großen Vorsätze fürs neue Jahr.imago

Sie sind überall in Berlin. Überall auf den Straßen und Wegen, in den Parks und Wäldern. Auf den ersten Blick fallen sie gar nicht so sehr auf, aber aufmerksame Beobachter sehen sie dann doch: diese Vorbilder. Überall laufen sie umher, die alljährlichen Anti-Speck-Aktivisten der Nachweihnachtszeit.

Die Nachweihnachtszeit hat auch in diesem Jahr bei einigen Leuten bereits begonnen, bevor Weihnachten vorbei war. Schon am Morgen des ersten Weihnachtsfeiertages sah ich den ersten vorbildlichen Jogger. Und es war keiner dieser dünnen Extrem-Dauerjogger, die sowieso jeden Tag im Jahr laufen. Es war einer dieser Männer, die regelmäßig, aber dann doch nur recht mäßig joggen gehen, sodass am Ende eines viel zu langen Jahres der Winterbauch in der dann doch viel zu engen Laufkleidung ziemlich spannte.

Dann sind auch noch die Leute unterwegs, die jeden Tag ihre 10.000 oder 15.000 Schritte gehen und die stolz sind, wenn sie vier Millionen Schritte pro Jahr schaffen oder gar fünf Millionen.

Nun kommen bald die Januar-Woller dazu. Das sind Leute, die das ganze Jahr schön genussvoll vor sich hinleben, die meist zu viel essen und trinken und zu wenig Sport machen. Die dann aber umsteuern, wenn das Fest der Weihnachtsvöllerei vorbei ist und der Neujahrsschmaus. Dann fangen sie plötzlich an, drei Mal die Woche zu joggen, keinen Alkohol mehr zu trinken und nicht mehr zu rauchen.

Aber vielleicht ist diesmal im Kleinen, also im Privaten, gar nicht so viel Hektik nötig, denn immerhin sieht es im Großen, also in der Politik, nicht mehr nur düster aus.

Soeben wurde aus der Pandemie eine Endemie, und das klingt doch wunderbar nach Ende. Im Radio erzählte ein Fachmann, dass erstmals seit Kriegsbeginn der Gaspreis auf dem Weltmarkt auf den Vorkriegspreis gefallen ist. Und plötzlich reden Russland und die Ukraine über Verhandlungen. Der kürzeste Tag des Winters ist auch vorbei. Aus Fatalisten könnten glatt Optimisten werden.

Aber auch Optimisten sollten mit ihren Vorsätzen vorsichtig sein. Mehr Joggen und dann auch noch Zigarettenverzicht und kein Alkohol mehr sind sicher zu viel des Guten. So viel Neues auf einmal schafft auch der willensstärkste Mensch nicht, sonst hätte er ja gar nicht mit all den Sünden angefangen.

Deshalb sagen Fachleute gern: Ändern Sie am Anfang lieber ein paar Kleinigkeiten. Gehen Sie einen anderen Weg zur Arbeit, das sorgt für einen neuen Blick auf den Alltag. Ändern Sie Ihre Morgenroutine und lesen Sie wieder eine Zeitung zum Frühstück.

Natürlich sollten Sie sich das mit dem Rauchen auch gern vornehmen, aber die Idee dann innerlich schön reifen lassen, bis der richtige Zeitpunkt da ist.

Bei mir war es ein Sonntag im September. Hat wunderbar geklappt.