Woke Weihnachten oder: Das Fest der weißen Männer

Das große Fest wird von zwei Männerfiguren dominiert: dem Weihnachtsmann und dem Schneemann. Unser Kolumnist fragt sich, ob da nun Streit ins Haus steht.

Weiße Männer in der Weihnachtszeit.
Weiße Männer in der Weihnachtszeit.imago/imagebroker

Weihnachten ist das Fest der Liebe, der Geschenke und des Streits. Jedenfalls gehört der Streit zu den Klischees, die über dieses Fest erzählt werden. Und da Klischees oft einen wahren Kern haben, neigen einige Familien dazu, sich ausgerechnet an den Tagen zu streiten, an denen alle doch nur das Beste wollen, wenn nicht gar das Allerbeste.

Mal werden unabsichtlich oder genussvoll die ewig gleichen alten Wunden aufgerissen, mal kommen neue Streitpunkte dazu, denn der klassische Generationskonflikt der jungen Rebellen gegen alte Beharrungskräfte hat immer etwas Neues zu bieten.

Da kann schnell die Frage im Raum stehen: Warum muss es wieder ein tierquälerisches Festessen mit einer gemeuchelten Gans sein? Warum geht nicht auch eine vegane Wirsing-Roulade mit Maronenfüllung und Rosmarin-Shiitake-Polenta? Und natürlich kommt in diesen Zeiten noch ein anderes Problem dazu: Weihnachten ist das Fest der alten weißen Männer.

Zum Stand der Debatte gibt es ein Witzbild aus dem Internet, Titel: „Schneemannbauen im Jahr 2022.“ Jemand baut dort um 8 Uhr eine Schneefigur, 8.10 Uhr beschwert sich eine Lastenradfahrerin, dass es keine Schneefrau ist. Als auch die Schneefrau steht, beschwert sich eine Gender-Studies-Studentin über die angedeuteten Brüste. So geht es weiter: Ein Veganer findet, die Möhre sei eine Verschwendung von Lebensmitteln. Ein Torwart will, dass der Schneemann eine Regenbogenbinde trägt. Dann bezeichnet Jan Böhmermann den Schneemannbauer auf Twitter als Rassist, weil die Schneefigur weiß ist. Und um 8.50 Uhr klebt sich ein Klimaaktivist an den Schneemann.

Sinnbilder des Patriachats

Die anderen weißen Wintermänner sind der heilige Nikolaus und der Weihnachtsmann – Sinnbilder des Patriachats, bei dem immer ein Mann an der Spitze steht, egal, ob als Familienoberhaupt, als Gott oder als Geschenkeonkel.

Noch immer bilden die Weihnachtsmänner klar die Mehrheit. Das zeigt der Blick auf Vermittlungsseiten im Internet. Für die Männer gibt es sechs Kategorien ab 169 Euro, am teuersten sind Premiumweihnachtsmänner für 349 Euro, denn deren Bärte sind echt.

Es können aber auch Frauen zum Fest gemietet werden: blonde, schlanke Weihnachtsengel oder Weihnachtsfrauen. Doch die sind keine matriarchale Alternative, denn es wird versprochen, dass die Darstellerinnen sexy sind.

Kommt es bei einigen nun zum woken Weihnachtsstreit?

Eher nicht. Denn nach der Kälte der vergangenen Wochen ist nun eine weihnachtliche Hitzewelle da. Und ohne weißen Schnee kann auch niemand weiße Schneemänner bauen. Und auch bei der großen Weihnachtsmannvermittlung im Netz leuchtet ein rotes Fenster auf: „Wichtiger Hinweis: Leider können wir aus Kapazitätsgründen in diesem Jahr keine Weihnachtsmänner anbieten.“