Berlin - Der Beuys-Mythos lässt nicht los. Schon gar nicht jene, die das Charisma und das eigenwillige, unangepasste Anliegen dieses großen deutschen Nachkriegsavantgardisten verstanden haben, ihn gerade wegen seines unbequemen humanistischen Credos für immer lieben.

Das lange Gastspiel etlicher Beuys-Werke im Museum Hamburger Bahnhof ist beendet. Galerist, Sammler und einstiger Beuys-Sekretär Heiner Bastian will seinen Beuys-Werkblock wieder nahe bei sich haben: das Cello im Filzmantel mit aufgenähtem leuchtend roten Kreuz, den im Wundmull versunkenen „Krieger“, das obskure „Hasengrab“ oder das weißgipserne Menschenpaar, das, obwohl nur Miniatur, Sarkophagdeckeln gleicht und an ein Bildmotiv des Romantikers Caspar David Friedrich erinnert. Und auch den archaischen Frauen-Torso, ein Ecce-Homo-Bildnis, ruppig auf ein Gestell gepflanzt. An fast sakraler Gleichnishaftigkeit mit unübersehbarer Neigung zur Steinerschen Anthroposophie-Lehre kaum zu überbieten sind all die Skulpturen aus den Jahren 1949 bis 1985.

Bogen von der Bildkunst zur Musik

Deutschlands wichtigster Bildhauer und Aktionskünstler der späten Moderne gab dem hier abgebildeten Werk den Titel „Infiltration-homogen für Cello“. Eine Hommage: Das Streichinstrument als skulpturale Basisform, zudem klassische Metapher für einen weiblichen Torso, schlägt einen Bogen von der Bildkunst zur Musik, die Beuys schon seit Kindertagen so wichtig war, als er selber Cello spielte. Die Arbeit steht auch für die Zusammenarbeit mit der ebenso legendären amerikanischen Fluxus-Cellistin Charlotte Moorman.

Beuys dekonstruierte hier die Identität des Instruments, schuf eine Querverbindung zur weiblichen Gestalt, formte das Cello sozusagen „energetisch“ um – in die Hülle aus Filz mit dem signalhaften Roten Kreuz der Nächstenliebe, des Schutzes, der caritativen Hilfe.

Dieser Künstler verstand sein Tun als eine Transformation der Idee – als einen Gedanken, der als „Energieträger“ plastisch dargestellt wird – in Filz, Fett, Honig, Holz, Fell – und den Betrachter zum Nachdenken anregen sollte. Beuys hat sich sein traumatisches Kriegserleben solange selber erzählt, bis es als Kunst erzählbar wurde. Darum entwickelte der mythosbeladene Zeichner, Bildhauer und Fluxus-Aktionist seine Idee von der „Sozialen Skulptur“ und vom „Erweiterten Kunstbegriff“, demnach jeder Mensch ein Künstler sei. Gleichsam beschwörend erzählt das Cello in Filz von Verwundungen der Humanitas und zielt auf Ausgleich, Versöhnung der Gegensätze, auf Heilung und einsichtiges Erinnern.

Galerie Bastian, Am Kupfergraben 10. Bis 25. April 2015., Do+Fr 11–17.30/Sa 11–16 Uhr. Tel.: 831 6001 und unter www.galeriebastian.com