Im direkten Vergleich der amtlichen Kriminalstatistiken schneidet Berlin gemessen an Paris noch viel schlechter ab als in der DIW-Studie: Die Mordrate beträgt hier fast das 2,5-fache.
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Dank an meine Kritiker

Korrektur: Gemessen an Paris ist Berlin nicht „extrem mörderisch“. Die Kritiker meiner Kolumne vom 13.  Januar 2020 haben in dem für die Argumentation entscheidenden Punkt recht: Im Vergleich der Mord-und-Totschlags-Raten pro 100.000 Einwohner zwischen Berlin und Paris ist mir ein schwerer Irrtum unterlaufen. Während ich für Paris die vollendeten Tötungsdelikte angeführt habe, habe ich für Berlin eine Statistik übernommen, in der – eigentlich deutlich genug markiert - auch die nur versuchten Tötungsdelikte mitgezählt werden.  Ich bedauere diesen Fehler und bedanke mich bei all denen, die ihn aufgedeckt haben. Götz Aly

BerlinIn meiner Kolumne vom 31. Dezember 2019 teilte ich mit, dass Berlin laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaft (DIW) die höchste Mordrate im Vergleich zu 15 anderen europäischen Hauptstädten aufweise. Die Statistik bezog sich auf das Jahr 2016; der Abstand zu Paris, laut DIW-Studie die zweitmörderischste Stadt, betrug satte 40 Prozent.

Inzwischen sagt das DIW, die in der Studie so bezeichnete „Mordrate“ – statistisch sind das vollendete Mord- und Totschlagsverbrechen – sei von der OECD falsch berechnet worden und das (im Wesentlichen aus Steuergeldern finanzierte) DIW habe diese Zahlen ungeprüft übernommen. Interessant, wie sogenannte Studien entstehen.

Initiiert hatte die Studie Berlins Finanzsenator Matthias Kollatz. Am 20. Dezember 2019 stellte er sie mit dem Präsidenten des DIW, Marcel Fratzscher, öffentlich vor. Die Mordrate kam nicht zur Sprache.

Zu wenige arbeiteten die Studie durch

Wahrscheinlich hatte diesen Punkt niemand gelesen. Man wollte eben darüber plaudern, wie herrlich weit man es  – trotz aller Widrigkeiten – in Berlin gebracht habe. Während die FAZ hervorhob, dass Berlin gemäß DIW-Studie in der Verwaltungseffizienz knapp vor Rom an zweitletzter Stelle liege, stimmte die taz in den Grundton des Jubilierens ein.

Die Weigerung, Texte genau durchzuarbeiten, scheint zu grassieren. Mittlerweile frage ich mich, ob die Sache überhaupt aufgefallen wäre, wenn ich die sogenannte Studie nicht auf einer längeren Bahnfahrt von A bis Z gelesen hätte. Erst dann zitierte ich in meiner Kolumne das horrible Ergebnis des DIW.

Auch die AfD hatte die DIW-Mitteilung verschlafen, schlachtete sie aber nach meinem Artikel eifrig aus. Vielleicht – auch das schlimm genug – kam erst deshalb Bewegung in die Angelegenheit. Allerdings machte die taz am 7. Januar mich, den Boten der schlechten Nachricht, für das Problem verantwortlich sowie „Medienberichte“ – aus Sicht der taz offenbar eine Art Lügenpresse.

Die Mord-Rate bleibt hoch

Das DIW vertröstet derweil auf eine spätere Korrektur der Daten. Warum plötzlich so betulich? Es geht auch schneller. Zum Beispiel weist die Kriminalstatistik für den Großraum Paris (die statistische Einheit le Grand Paris) für Mord und Totschlag (homicide) für 2016 eine Rate von 1,1 pro 100.000 Einwohner aus (73 Fälle).

In Berlin waren es 2016 – ohne den Terroranschlag auf dem Breitscheidplatz! – 92 Fälle. Das ergibt für das deutlich kleinere Berlin eine Mord-und-Totschlag-Rate von 2,6 pro 100.000 Einwohner.

Die Parteien hüllen sich in Schweigen

Das DIW operierte mit falschen, insgesamt höheren Zahlen. Aber im direkten Vergleich der amtlichen Kriminalstatistiken schneidet Berlin gemessen an Paris noch viel schlechter ab als in der DIW-Studie: Die Mordrate beträgt hier fast das 2,5-fache. Wie wäre es, wenn sich der Senat dazu erklären würde?

Wussten Sie, liebe Leserinnen und Leser, wie viele Verkehrstote es 2019 in Oslo gab? Einen – einen einzigen! Berlin hatte bei 3,75 Millionen Einwohnern 40 Verkehrstote zu beklagen. Hätten wir Verhältnisse wie in Oslo (670.000 Einwohner), dann wären es sechs Tote gewesen.

Die Kfz-Killerrate wird die AfD gewiss ignorieren. Aber auch CDU, FDP und der rot-rot-grüne Senat hüllen sich in Schweigen. Gemessen an anderen europäischen Hauptstädten bleibt Berlin extrem mörderisch.