Kolumne Harmsens Berlin: Warum die Bulette das wirkliche Berliner Nationalgericht ist

Meine über 80-jährige Tante aus Lichtenberg wünschte sich, dass ich ihr mal wieder Buletten mitbringe. Und zwar selbstgemachte. Offenbar kann ich das ganz gut. Sie werden zwar jedes Mal anders, weil ich ganz nach Gefühl würze und auch den Anteil des Brötchens variiere. Aber die Tante mag sie. Sie hat sich noch nie beschwert.

Wenn ich ein Berliner Nationalgericht küren müsste, dann wäre es die Bulette und nicht die Currywurst. Schon weil eine Currywurst mit Pommes tausend Kalorien hat. Und weil im Namen Bulette der typische französische Einfluss steckt, der Berlin lange prägte.

Bulette hört sich auch appetitlicher an als „Frikadelle“, „Gehacktesklops“,  „Fleischpflanzerl“ oder „Bratklops“, wie die Dinger anderswo heißen. Und Bulette klingt auch nicht so gefährlich wie andere Regionalspeisen. „Labskaus“ und „Saumagen“ – das erinnert an was Rausgemoppeltes oder eine Krankheit. „Oh, ich habe Saumagen.“ – „Ach wat. Tut dit weh? Jeh ma schnell zum Arzt!“

Manchmal siegt der Bäcker

Die Bulette muss leider auch für vieles herhalten. Im Westteil der Stadt soll  man zum Polizeiwagen „Bulette“ gesagt haben. Ich erinnere mich auch an so manche frühere Hänselei auf dem Schulhof, bei der man übergewichtige Mitschüler „dicke fette Arschbulette“ gerufen hat – ja sorry, so sind Kinder nun mal.   Die gemeinsten Wesen auf dieser Welt.

Die Bulette selbst, als konkretes Nahrungsmittel, wird allerdings auch manchmal kritisch betrachtet. Zumindest die, die man nicht selbst gemacht hat. Ein Wörterbuch listet Synonyme auf, die der Berliner für seine Bulette geprägt hat: „Bäckerbraten“, „Semmeltörtchen“ oder „Kampfbrötchen“ – wenn mal wieder zu wenig Fleisch drin ist.

Der Berliner weiß schon lange, wie man tricksen kann – ob bei Buletten, Wurst, Brot oder Kaffee. Er hat ja genügend Notzeiten erlebt. Mitunter übten sich  Verkäufer auch gleich in voreilender Selbstoffenbarung. Folgenden Vers soll 1780 der Budiker Friebel am Molkenmarkt an sein Geschäft gepappt haben: „Meine Wurst is jut –/ Wo keen Fleesch is, da is Blut –/ Wo keen Blut is, da sind Schrippen –/ An meine Wurst is nich zu tippen!“ 

Nämliches traf gewiss auch auf die Bulette zu. In unserer Gegend soll es sogar einen Schlächter gegeben haben, der „Katzen-Krause“ genannt wurde. Woher der Name kam, möchte man lieber nicht wissen.

Ja, und richtig gehört: Den Fleischer nannte man in Berlin sehr oft „Schlächter“. Dieser kam – wie es scherzhaft hieß – sogar in dem alten Volkslied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ vor, und zwar in der Zeile: „Es muss ein Schlächter Müller sein, dem niemals fiel das Wandern ein“. Doch das nur am Rande.

Wer nischt isst, fällt vom Fleesche

Da ich als Schulkind ein „dürret Hemde“ war, musste ich ordentlich Buletten essen. „Iss tüchtig, du hast lange Seiten. Da muss wat ran“, hörte ich des öfteren. „Wenn de nischt isst, fällste noch vom Fleesche.“ 

Das erste Mal richtig überfressen habe ich mich allerdings nicht an Buletten, sondern an Kartoffelpuffern, die mein Opa gemacht hat. Nach dem zehnten knusprigen  Stück lag ich auf dem Sofa und stöhnte unter Krämpfen. Ich dachte, ich muss sterben. Dies war der Moment, in dem ich  – gerade  zwölf Jahre alt – meinen ersten Schnaps bekam: einen ekelhaft nach Medizin schmeckenden Boonekamp. Brrrr – nicht gerade eine alkoholische Einstiegsdroge.

Mit dieser Erinnerung  mache ich mich jetzt an die Buletten für die Tante. Nicht, dass sie am Ende noch zu viel davon isst. Zur Sicherheit packe ich den Schnaps gleich mit ein.

Zum Weiterlesen: Torsten Harmsen: Neulich in Berlin – Kurioses aus dem Hauptstadt-Kaff, be.bra verlag, Berlin 2018, 14 Euro, 224 Seiten.