Die letzte Systemaktualisierung meines iPhones war bedrückend. Gerne würde ich sie rückgängig machen. Aber wenn man nicht auf dem neuesten Stand bleibt, verwirkt man jedes Recht auf ein funktionierendes Gerät und riskiert zudem SICHERHEITSLÜCKEN! Als ob nicht jegliche Benutzung digitaler Dienste eine einzige Sicherheitslücke wäre.

Sowieso geht es mir mit diesen Aktualisierungen nicht anders als mit Shampoos „mit verbesserter Rezeptur“ oder Joghurts „mit verbessertem Geschmack“: Gerade der Versuch, das Vertrauen in das stets überwachte und überarbeitete Produkt zu stärken, steigert das Misstrauen. „Besser“ ist ja noch lange nicht gut.

Jetzt also iOS10. Kein erstes Wischen mehr auf dem Weg zum Zahlencode, obwohl das schon Reflex geworden ist, und im Nachrichtenprogramm jede Menge bunte Neu-Funktionen. Unter diesen entmutigt speziell das Angebot der Emojis durch die Korrekturhilfe. Ich schreibe: „Wo steht das Auto?“ und bekomme nicht nur das Wort „Automatische“ vorgeschlagen, sondern plötzlich auch das rote Spielzeugauto aus der Emoji-Liste. Oder ich schreibe: „Wie war’s im Theater?“, und iOS10 wartet mit zwei putzigen Theatermasken auf. Masken?! Die übrigens auch beim Wort Kunst erscheinen.

Darauf, wie schmal das Emoji-Angebot generell ist, hat neulich mit ein paar eigenen Vorschlägen (Brezel) schon die Süddeutsche Zeitung hingewiesen. Und Masken als Synonym für Theater sind genauso deprimierend wie Druckfehler in Speisekarten („Korianderpesto mit Wallnüssen“). Zudem greift die normierende Schlichtheit der Wort-Bildübersetzung schnell über, und nach kurzem Vorlauf beginnt man schon selbst, bei jedem Substantiv das Machbare und systemisch Wahrscheinliche mitzudenken. Bei dem Wort Behinderung etwa kommt mir gleich ein Blinden- oder Rollstuhlzeichen vor Augen, das gar nicht im Angebot ist. Aber wenn es das wäre: Erschiene es dann auch bei „Behinderungen des Verkehrs“? Weil es natürlich sinnlos ist, das Wort Auto mit einem Auto zu illustrieren, einem Bildangebot erfahrungsgemäß jedoch kaum widerstanden werden kann, wird das Bild das Wort hier zunehmend ersetzen. Korrekturvorschlag eben. Und dann wird es Autos nur noch in klein und rot geben – erst in der Nachricht, dann im Denken und irgendwann auch auf der Straße (was ökologisch gar nicht verkehrt wäre).

iOS10 weist den Weg zurück zur Bildersprache und liefert mit dem „Digital Touch“-Kunstwerk die virtuelle Höhlenmalerei gleich mit: Fingerkrakeleien, die man als Beweis seiner Kreativität ebenfalls als „Nachrichten“ versenden kann.

Wobei es ja vor allem die Älteren sind, die Text-Nachrichten schreiben. Der Wettbewerb mit Snapchat kann es also nicht sein, der die Sache ins Bildliche drängt. Es muss schon ein Service für die Zukunft vorausgesetzt werden, und zwischen Verständigungshilfen im globalen Markt und Vorsorge für den Fall fortschreitender Wortfindungsstörung kann das alles sein. Wie es mit uns weitergeht, werden die nächsten iOS-Editionen offenbaren. Gibt es neben den Buchstaben dann auch Farb- und Formwahlangebote, um sich an zu benennende Objekte heranzutasten? Welche Zeichen werden die Verben ersetzen? Und welche das, was man eigentlich sagen will?