Das Tischtuch blitzt, die Gläser blinken und die Kerzen leuchten mit den Augen der Gäste um die Wette. Kein Wunder: Die Tafel biegt sich förmlich unter den verschiedensten Speisen, jeder hat etwas mitgebracht, Warmes und Kaltes, Fleisch und Fisch, Gemüse und Salate, Cremes und Pasten, Suppen und Soßen.

Das wird ein Fest. Schüsseln werden herumgereicht, "Möchtest Du hiervon?", Löffel und Kellen werden geschwungen, "Nein danke", "Ja gerne", und dann fällt so ein Satz, nein, eigentlich eine ganze Kette von Sätzen, sagen wir: Zur Thunfischcreme.

"Was ist da drin? Ist das mit Frischkäse? Oder Sahne?" fragt eine Frau mit hochgezogenen Augenbrauen und zeigt mit spitzem Finger auf die Schüssel. Bevor jemand antwortet, fügt sie hinzu: "Also, Saaahne, das geht bei mir gaaar nicht!" Das Wort "Sahne" spricht sie in einem Tonfall aus, als sei von Warzen die Rede, oder von Hitlervergleichen.

Typ von gestern

Die Sprecherin verträgt keine Laktose, das will sie wohl damit sagen, und obwohl schon die Tatsache an sich die wenigsten am Tisch interessieren dürfte, spricht sie weiter. Von Übelkeit und Blähbauch, von Müdigkeit und all den Gräueln, die der Teufel Laktose anstellt mit ihr. Dass im asiatischen Raum ja kaum einer Laktose verträgt (gähn), und wie lange es gedauert hat, bis sie festgestellt hat, dass auch sie.... und wer alles noch im Freundeskreis... undundund.

Wenn sie so weiter redet, wird die Thunfischcreme sich in eine sabbernde Fratze verwandeln, die uns alle anspringt. "Aber zum Glück gibt es ja mittlerweile ja fast alle Milchprodukte laktosefrei", endet die Frau und blickt zustimmungsheischend in die Runde. Erwartet sie jetzt, dass der Mitbringer der Thunfischcreme sich outet? Als Nichtwisser, als Typ von gestern, als gedankenloser Hinterwäldler?

"Viel schwieriger ist das mit Gluten", sagt jemand. "Das ist ja fast überall drin." Da ist es. Gluten. Dieses böse Wort, das klingt wie "Glut" und "bluten" in einem, und das man erst kennt, seit auf Nahrungsmitteln steht "Ohne Gluten". Gluten ist ein Proteingemisch, das in vielen Getreide-Arten vorkommt, im ohnehin schon als Dickmacher verrufenen Weizen, aber auch in Sorten mit besserem Image wie Roggen, Gerste und sogar im heiligen Korn der Ernährungsbewussten, im Dinkel.

Man nennt es auch Klebereiweiß, weil es den Teig zusammenhält, sobald Wasser ans Mehl kommt. Eigentlich nett vom Gluten. Und weil es das kann, wird es bei vielen Speisen als Bindemittel zugesetzt.

Kalorien und Schlachthöfe

Manchen Menschen setzt es zu, wie viele davon es wirklich nicht vertragen, und wie viele es sich nur einbilden - oder einreden lassen, glutenfreie Nahrungsmittel sind nämlich ein Milliardenmarkt - und wie viele von ihnen glauben, es mache dick und deswegen darauf verzichten, ist nicht bekannt. Bekannt ist aber: Gluten ist zwar für Leute, die sich für sehr bewusst halten, ein ungebetener Gast im Essen, aber beim Essen in aller Munde. Genau wie die Laktose.

Oder der Zucker. Das Fett. Die Kohlenhydrate. Das Essen aus Tieren und das aus Blumen. Denn vom Thema Unverträglichkeiten ist es oft nicht weit zum Thema Fitness und Figur und von dort geht es dann munter weiter zu Ethik oder Bio und irgendwann darf man eigentlich gar nichts mehr essen, was auf dem Tisch steht. Aber der Appetit ist dann eh weg. Man denkt an Blähungen. Kalorien. Schlachthöfe.

Ich will dann manchmal schreien. Etwa so: ESST DOCH, WAS IHR WOLLT! Und was ihr nicht wollt, esst ihr eben nicht! Und warum nicht, interessiert mich nicht! Und schon gar nicht, wenn Ihr davon pupsen müsst. (Kindern verbieten wir solche Themen bei Tisch ja auch.)

Wahrscheinlich würde man Mitleid mit mir haben. Ich vertrage alles. Mag fast alles. Packungen, auf denen ganz oft das Wort "ohne" steht, schrecken mich ab. Ohne Fett. Ohne Laktose. Ohne Gluten. Ohne Zucker. Wann essen wir "Ohne etwas"? Oder "Alles garantiert Ersatz und künstlich"? Das wird ein Fest. Bloß: Worüber reden wir dann?