Kolumne Offen gesagt: Was am Ostkreuz nervt

Berlin - Fast jeden Tag ist der Ablauf am S-Bahnhof Ostkreuz der selbe: Die S3 fährt von Osten aus in den Bahnhof ein, für sie ist hier Schluss. Die Bahn ist zu Stoßzeiten morgens und nachmittags voll, die Leute wollen zur Arbeit, oder eben zurück. Dann laufen alle schnell los, denn sie wissen, was kommt. Und trotzdem passiert es jedes mal. Menschenstau, Frust, Stillstand. Eine große Menschentraube bildet sich am Aufgang des Bahnsteigs der Gleise Ein uns Zwei.

Die vom Ringbahn-Gleis Kommenden laufen mit den Aussteigenden zusammen, zusätzlich bildet sich eine lange Menschenschlange an der Rolltreppe. Sie zu umgehen kostet viel Zeit, sie zu durchbrechen die Nerven der Anstehenden. Dann drängeln sich Jugendliche mit ihren Longboards unter dem Arm schnell die Treppe hinauf, genervt aussehende Pendler verschütten dampfenden Becherkaffee über ihre Aktenkoffer, während sie durch die Menschen navigieren, und ältere Damen finden das ja sowieso ganz schrecklich. Den Frust in den Gesichtern kann man ablesen. Niemand hat Zeit auf großen Bahnhöfen.

Was läuft hier schief? Seit dem Baubeginn 2006 wird am Ostkreuz gearbeitet, während der Zugbetrieb weitergeht. Doch selbst den Ansturm von rund 140.000 Fahrgästen täglich hielt die Baustelle Ostkreuz aus. Frustration gab es am Drehkreuz des östlichen Nahverkehrs nur durch Kabelbrände und Streiks, nie aber durch die Infrastruktur des Bahnhofs selbst. Das ist jetzt vorbei. Trotz breiterer Treppe an den Gleisen Eins uns Zwei. Und das ist zum Kotzen.

Konkret gesagt, haben die Architekten Treppe und Fahrstühle nahe des westlichen Endes auf dem Bahnsteig errichten lassen. Treppenaufgang plus Rolltreppe zeigen ebenfalls Richtung Westen. Die Bahn fährt von Osten ein. Der Großteil der Fahrgäste läuft so täglich den gesamten Bahnsteig entlang auf einen ihm abgewandten Treppenaufgang zu. Dort müssen sie scharf abbiegen, wollen die Treppe nehmen und stoßen auf besagten Gegenverkehr.

Warum ist das so? Architektenwechsel? Nicht richtig kalkuliert? Im Bebauungsplan etwas übersehen? Tatsächlich ist der Nachbarbahnsteig (Gleise Drei und Vier) deutlich breiter gebaut und sinnvoller arrangiert. Hier, so der Plan, werden ab Sommer 2017 die S-Bahnen aus Köpenick und Lichtenberg stadteinwärts halten. Der momentan problematische Bahnsteig der Gleise Eins uns Zwei dient ab dann nur noch dem Regionalverkehr zwischen Ost und West. Bis dahin wird das Gedränge bleiben.

Nach einigen Verzögerungen soll Ostkreuz 2018 fertig werden. So bleibt zu hoffen, dass bei einer öffentlichen Investitionssumme von geschätzten 420 Millionen Euro (inklusive des Ausbaus des S-Bahnhofs Warschauer Straße) die Begehbarkeit eines so wichtigen Bahnhofs fahrgastfreundlich sein wird.