Backen ist derzeit in aller Munde.
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BerlinAlle backen jetzt. Aus den sozialen Netzwerken fluten mir seit Wochen Torten, Kringel und Kekse entgegen. Journalistinnen berichten vom entspannenden Effekt des Knetens und Rührens. Aus der Schule kam schon zu Beginn der neuen Zeit die Anregung, mit den eingesperrten Kindern einen Kuchen zu backen. Da macht man was zusammen. Das hebt die Laune.

Ich gestehe: Wenn ich meinen Söhnen vorschlagen würde, gemeinsam einen Kuchen zu backen, würden sie auf Knien darum bitten, lieber die Wohnung zu putzen. Sie würden anbieten, ein Jahr lang jede Woche den Duschabfluss zu reinigen und ein expressionistisches Gedicht auswendig zu lernen. Weil sie keine Kuchen und Kekse mögen? Nein. Sie mögen mich nicht, wenn ich backe. Ich werde zu einem reizbaren Zombie, wenn ich es mit süßem Teig zu tun bekomme.

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Kochen entspannt. Backen stresst.

Süß, das ist wichtig. Ich knete mit Hingabe Pizzateig und sehe ihm beim Aufgehen zu. Finde ich toller als Seriengucken. Ich kann stundenlang Gemüse und Zwiebeln schnippeln und versonnen die Bolognese rühren. Kräuter zu hacken, bis sie die Konsistenz von Feinstaub haben, macht mich glücklich. Ich bin gerne in der Küche. Solange nichts klebt.

Bis heute bricht mir der Schweiß aus, wenn ich an das gemeinsame Backen vor etwa 20 Jahren mit zwei Kommilitoninnen denke. Jede von uns brachte ein Rezept für Weihnachtsplätzchen und die Zutaten mit. Ich hatte mir aus einer dieser verlogenen Zeitschriften, in denen „einfach und schnell“ über den Rezepten steht, eines für Orangenkringel herausgesucht.

Während meine Freundinnen Nusshügelchen und Butterplätzchen im Akkord produzierten, saß ich schwitzend über einem Topf flüssigen Zuckers und kandierte mit einer Pinzette Orangenschalenstreifen. Darüber vergaß ich die Kringel im Ofen. Am Ende kühlten im Flur je 100 köstliche Nusshügelchen und Butterplätzchen aus und 15 Schrumpeldinger mit hässlichen Fäden drauf. Die Kommilitoninnen probierten mutig. Um mich nicht zu verletzen, räumten sie ein, dass es ja Leute gebe, die es bitter mögen. Und hart.

Die Laune leidet - mal früher, mal später

Ein weiteres unvergessliches Erlebnis war ein Geburtstagskuchen für den Gatten. Backmischung, Mandarine-Schmand. Weil ich die Milch vergessen hatte, wickelte sich die zähe Masse binnen einer Minute um die Rührstäbe und war nicht zu retten. Das Kind musste in den Supermarkt und eine neue Packung holen. Später musste es noch mal in den Supermarkt, um neue Mandarinen-Dosen zu kaufen. Weil ich den Saft großzügig zum Trinken freigegeben hatte. Den sollte man aber „beiseite stellen“. Für die Creme.

Komplett eingestellt habe ich alle Ambitionen vor ein paar Jahren beim erneuten Versuch Weihnachtsplätzchen herzustellen. Schlecht gelaunt schon nach dem Ausrollen des viel zu klebrigen Mürbeteigs maulte ich die Kinder ohne Grund so oft an, dass sie mit großer Dringlichkeit in den Augen sagten: „Mama, wir können doch Plätzchen kaufen.“

Alle backen. Ich hingegen koche Bolognese. Und beim Essen erzähle ich die Geschichte vom Mandarinen-Schmand-Kuchen. Alle lachen. Sie wissen, der Ofen bleibt aus. Das hebt die Laune ganz erheblich.