Zwei junge Männer in einem Bus der BVG.
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BerlinWenn man die Dorfstraße in Malchow sicher überqueren will, muss man den Ortsteil einmal ganz durchqueren. Erst am Ende, wo die Schrebergartensiedlung beginnt und wo man von Weißensee aus kommend rechts abbiegen kann in die plötzliche Stille der Malchower Aue, steht eine Fußgängerampel. Meine beiden Ziele befinden sich rechterhand, wie die Bushaltestelle: der Stand mit den Erdbeeren und eben die Aue. Es ist die Neugier, die mich über die Straße treibt, ich will wissen, ob der Hofladen auf der anderen Seite auch geöffnet hat.

Den Gedanken, in der Mitte des Ortes durch eine Lücke im Verkehr zu schlüpfen, verwerfe ich schnell. Es gibt keine. Die Dorfstraße ist eine röhrende Schlange aus Blech. Ich muss an Lauren Elkins Ausführungen zu den amerikanischen Vorstädten denken. In ihrem fabelhaften Buch „Flâneuse“, das eigentlich vom Gehen und Sichtreibenlassen durch die Stadt handelt, schreibt sie, dass ihre Eltern selbst Freunde, die nur fünf Minuten entfernt wohnen, nicht zu Fuß besuchen. Und die leidenschaftliche Geherin Elkin schreibt, dass sie froh darüber ist. Weil es keine Fußwege gibt im Vorort ihrer Kindheit: „Dass Vorstädte heute so aussehen, wie sie aussehen, ist auf den Versuch zurückzuführen, sie am Autoverkehr auszurichten.“

Nun haben Malchow und Weißensee wenig gemein mit amerikanischen Vorstädten, und Fußwege gibt es überall. Dennoch fällt mir die Textpassage nicht nur ein, wenn ich Erdbeeren kaufe. Denn je weiter man sich vom See Richtung Umland entfernt, desto mehr dreht sich alles um das Auto. Neben den stadtrandüblichen Baumärkten und Discountern sieht man Autohäuser, Autowerkstätten, Autowaschanlagen, Reifenhändler, Karosserie-Lackierereien, Tankstellen.

Und natürlich Autos ohne Ende. Auch auf der Berliner Allee. Die Tage, an denen man mal sehen konnte, wie hübsch sie streckenweise – mit Ausnahme einiger Bröckelhäuser und Neubausünden – eigentlich ist, sind längst wieder vorbei. Der Verkehr brummt wie in Zeiten vor dem großen Zuhausebleiben, und sehr oft steht er einfach. Auf der Berliner Allee bräuchte man oft die Ampeln gar nicht, man könnte ganz gemütlich durch den Stau spazieren. Verlierer sind Notärzte im Einsatz.

Einer von vielen Verlierern der Pandemie, las ich neulich, könnte der öffentliche Nahverkehr sein. Weil die Menschen aus Angst vor Ansteckung Bus und Bahn langfristig meiden. Mich hingegen verstören die vielen leeren Plätze. Wenn es nicht in Gedränge ausartet, mag ich das Nahe am Nahverkehr. Bus und Bahn fahren ist für mich verwandt mit dem Gehen, man spürt die Stadt, ist Teil eines Miteinanders. In fast allen Autos auf der Dorfstraße und der Berliner Allee sitzt nur eine Person. Zur Verstörung gesellt sich eine kleine Furcht. Dass der ÖPNV wirklich der Verlierer sein könnte. Und mit ihm die Stadt selbst, ihre Vorstädte und ihre Umwelt. Im Bus zur Malchower Aue saß außer mir ein Fahrgast.